«Hat ein behinderter Mensch nicht das Recht, auch mal an eine Hochzeit zu gehen?»

(Schweiz am Wochenende / Walliser Bote)


Sie ist Sängerin und Journalistin.Und sie kämpft für ein inklusiveres Oberwallis:
Vanessa Grand Bild: pomona-media

 

Vanessa Grand sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl.Für die WB-Sommer serie «Vorwärts in die Zukunft»spricht sie über Barrierefreiheit,politischen Widerstand und den Weg zu einem inklusiveren Oberwallis.

Interview:Leonie Hagen

Vanessa Grand,im letzten Herbst sorgte Ihre Kritik am neu gebauten Ausweiszentrum in Visp für Aufruhr.Ihr Fazit damals lautete:«Von Barrierefreiheit keine Spur». Warum ist diese Hindernisfreiheit so wichtig?
Fehlende Barrierefreiheit ist nicht das Einzige,was behinderte Menschen von der Teilnahme am «normalen»Leben abhält.Aber sie ist der
Schlüssel zu vielem. Wo Hindernisse sind,kommen wir als Menschen mit Behinderungen schlicht nicht hin:nicht in die Schule,in eine Lehre,in
den Beruf,in die Freizeit,in die Kultur.Das gilt für Menschen mit Mobilitätsbehinderungen genauso wie für Seh und Hörbehinderte.

Ob Sie amgesellschaftlichen Leben teilnehmen können,entscheidet sich am Zugang.Und doch werden Forderungen nach hindernisfreien Bautenals «Extrawürste» wahrgenommen.
Dabei habe ich genauso ein Recht darauf,einen Ort zu betreten wie jeder andere auch! Gerade wenn es um öffentliche Dienstleistungen geht.Und es ist natürlich so:Wenn sich schon der Kanton nicht an die Regeln hält,wird es schwierig, die Geschäfte,die Restaurants und die Bevölkerung zur Barrierefreiheit zu verpflichten.

Sie sprechen oft von Südtirol als Ihrer zweiten Heimat,das dem Wallis in diesen Fragen weit voraus sei.Was macht Südtirol für Rollstuhlfahrer besser als das Oberwallis?
Es gibt auch dort noch viel zu tun.Aber im Gegensatz zu uns haben sie Politiker,die sich explizit für Menschen mit Behinderungen einsetzen.Und dafür auch mal auf den Tisch hauen. Deshalb sind sie auch viel weiter als wir.


«Ich habe das Glück,dass meine Eltern mich unterstützen.»
Vanessa Grand
Sängerin


Wie sieht das im Alltag aus?
Ich darf zum Beispiel mit der Behindertenfahrkarte trotz allgemeinem Fahrverbot aufeine Alpe fahren und finde dort fast immer im Restaurant eine rollstuhlgängige Toilette vor.Auch sonst:Wer ein Restaurant umbaut und das WC nicht rollstuhlfreundlich gestaltet,wird bestraft.Und es gibt praktisch in jeder Seitenstrasse Behindertenparkplätze.Damit ist man einfach viel flexibler.

Diese Flexibilität haben Sie in der Schweiz nicht.
Weniger.Als Mensch mit Behinderung muss man seinen ganzen Alltag sehr streng takten.Heute bin ich als Rollstuhlfahrerin zwar mobiler.Aber wenn ich einen Ausflug machen will,bin ich an vielen Orten auf zusätzliche Unterstützung angewiesen.Ich brauche hier ein Taxi,da eine Hilfe beim Umsteigen,medizinische Unterstützung und so weiter.Vorher muss ich abklären,wo ich überhaupt aussteigen kann Jeden Schritt muss ich rechtzeitig reservieren und planen.

Und wenn etwas schiefläuft?
Wenn ein Zug auch nur zehn Minuten Verspätung hat,heisst das für mich eine enorme Umorganisation.Für spontane Entscheidungen bleibt schlicht kein Platz.

Was braucht es denn,damit solche Situationen im Oberwallis nicht mehr entstehen?
Man müsste allgemein viel mehr darauf achten,dass der Zugang und die sanitären Anlagen behindertenfreundlich sind.Gerade in Neubauten und öffentlichen Gebäuden.Dann braucht es auch weniger zusätzliche Leistungen.Der hindernisfreie Zugang zu Dienstleistungen und Sanitäranlagen gehört zu unseren Grundrechten.Damit wäre schon viel getan.

Wo müsste man anpacken,um dieses Recht umzusetzen?
Es braucht vor allem mehr Betroffene,die mitreden.In den meisten Organisationen,die sich fürbehinderte Menschen einsetzen,sprechen überwiegend Leute,die nicht selbst betroffen sind. Die prüfen dann,ob ein Gebäude hindernisfrei ist.Ich meine das gar nicht böse,aber niemand weiss besserals ein Rollstuhlfahrer,ob ein Ort für ihn zugänglich ist oder nicht.Aber gerade im Wallis haben die Leute Hemmungen,uns selbst reden zu lassen.Es gibt diese Angst,dass wir zu viel fordern könnten.

Woher kommt diese Angst?
Ich glaube,man fürchtet vor allem mögliche Kosten.Und fragt deshalb lieber gar nicht erst nach.Dabei kann ich in acht von zehn Fällen schon nach einem kurzen Gespräch einen Lösungsvorschlag darlegen,der im Ideal fall fast nichts kostet. Und einem Nicht betroffenen vermutlich gar nicht eingefallen wäre.

Zum Beispiel zwei Bergretter,welche Sie für einen Auftritt in Südtirol auf eine Bühne heben konnten.Ganz ohne zusätzliche Rampe.
Es gibt sehr oft unkomplizierte Lösungen.Aber man erwartet von uns,dass wir uns sozusagen «endlichmal» zufriedengeben.Man sagt mir zum Beispiel:«Schau,dir geht es doch gut,du konntest ja heute ins Restaurant gehen und einen Kaffee trinken.»

Was für andere normal wäre.
Eigentlich wäre es das Recht eines jeden Menschen.Sag das mal einem Nichtbetroffenen! «Es geht dir ja gut,du warst sogar im Restaurant»-weisst du, wie schräg der dich anschaut? Die Leute sind sich solcher Geschichten gar nicht bewusst.

Sie tragen diese Fragen nun an die Öffentlichkeit.Das war aber nicht immer so:Sie haben sich lange nicht politisch engagiert.Heute sind Sie indiversen Vereinen aktiv und lobbyieren für mehr Barrierefreiheit.Warum der Wechsel?
Ich hatte mich schon vorher damit beschäftigt,aber dann kam die Pandemie.Und mit ihr das Bewusstsein,wie sehr wir zusätzlich eingeschränkt wurden.Man wurde als Risikopatient abgestempelt, den man einsperren sollte.

Hat das dazu beigetragen, dass Betroffene nun mehr an die Öffentlichkeit gehen?
Für mich war es ein Faktor von vielen.Aber klar:Die Leute waren angespannt,weil sie ihre eigenen Verluste wahrgenommen haben.Dadurch wurden wir noch mehr an den Rand gedrängt.In der Zeit bin ich dafür mit anderen Behinderten in Kontakt gekommen,die sich auch dagegen
wehrten.Und wenn man sich einmal engagiert,macht man eben weiter.

Während der Pandemie war der Solidaritätsbegriff in aller Munde.Was bleibt davon -wird das Oberwallis der Zukunft rücksichtsvoller?
Das glaube ich nicht.Ich hatte gehofft,diese anfangs grosse Solidarität bliebe uns erhalten.Aber es hat sich aus meiner Sicht nicht viel verändert.

Was heisst es denn,mit behinderten Menschen solidarisch zu sein?
Es heisst,uns mehr in die Gesellschaft einzubeziehen.Dass man uns nicht in abgesonderte Gruppen schickt,sondern in den ganz normalen Alltag integriert.Natürlich braucht es Institutionen für Menschen mit Behinderungen,aber sie sollten nicht der erste Schritt sein.

Sondern?
Das Ziel sollte ja auch für Menschen mit Behinderungen sein, dass man so lange wie möglich selbstbestimmt leben und an der Gesellschaft teilhaben kann. Zum Beispiel,indem man möglichst lange zu Hause wohnt.Aber dann stellen sich andere Fragen: Was tun,wenn man keine Familie hat,die einen pflegt und betreut? Oder die einen auch mal morgens um zwei Uhr irgendwo abholt? Hat ein Mensch mit Behinderung nicht das Recht,mal an eine Hochzeit,ein Familienfest,ins Kino zu gehen?

Diese Fragen beschäftigen Sie.
Ich habe das Glück,dass meine Eltern mich unterstützen.Trotzdem bin ich mit diesen Problemen immer wieder konfrontiert. Und damit bin ich nicht alleine.

Trotzdem haben Sie sich dagegen entschieden,in die Parteipolitik einzusteigen.
Ja,man bezeichnet mich ab und zu als«Parteihopserin»,aber das stimmt nicht.Ich habe behinderte Kolleginnen und Kollegen, die angefangen haben,in Parteien zu politisieren:Mit der Zeit konzentrieren sie sich immer mehr auf das Parteiprogramm und werden in Inklusionsfragen
stiller.Das will ich nicht.Ich will Sachpolitik machen,vor allem zu Inklusion und Barrierefreiheit.Und dafür gehe ich genau zu den Politikern,die mir weiterhelfen können.

Vorher haben Sie den Einbezug von behinderten Menschen in den«normalen» Alltag angesprochen.Wie sieht das konkret aus?
Es bedeutet zum Beispiel,dass wir in die Regelschule gehen können.Dass wir eine Lehre abschliessen,in die Wirtschaft einsteigen und an privaten Anlässen mit dabei sein können. Oder dass man uns in Vereine involviert.

Zum Beispiel?
Ich habe vor Kurzem einen jungen Musiker gesehen,dessen Arm nicht vollständig ausgebildet war.Der spielt nicht abgeschottet in einem eigenen Verein für Behinderte-sondern in einer ganz gewöhnlichen Blasmusik.Das ist Inklusion.

Was steht dem noch im Weg?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Oberwalliser die«Normalbürger»,kein Problem mit Inklusion und Menschen mit Behinderunghaben. Die Gegenwehr kommt vor allem aus der Politik,von den Leuten,die etwas zu sagen haben.

Woran liegt das?
Die meisten gehen wahrscheinlich davon aus,dass sie nie selbst betroffen sein werden. Das stimmt natürlich nicht:Jeder von uns sass mal im Kinderwagen,da hilft eine Rampe eben auch.Ausserdem braucht es keinen Rollstuhl,um betroffen zu sein.Wer sich ein Bein bricht und mit den Krücken in den zweiten Stock hochmuss,ist auch froh um einen Lift.Diese Inklusion kommt viel mehr Menschen zugute,als man denkt.

Was braucht es,damit das Oberwallis inklusiver wird?
Es braucht endlich Politikerinnen und Politiker,die auf uns hören.Die unsere Anliegen nicht als Gejammer abstempeln.Und dann braucht es auch mehr Austausch.Man muss diese Geschichten hören,damit man sich überhaupt bewusst wird,mit welchen Problemen wir uns herumschlagen müssen.

Ist das Ihre Hauptforderung?
Ja. Wir müssen mehr diskutieren.Undoffenersein-und zwar auf beiden Seiten.Ich verstehe,dass solche Diskussionen vielen Betroffenen sehr nahegehen.Aber wer die Spannungen und den öffentlichen Druck aushalten kann,muss unbedingt mitreden.

Sie tun das nicht nur mit Leserbriefen,sondern auch mit Sensibilisierungskursen und Vorträgen.Was bringen solche Anlässe?
Wir halten meistens einen Vortrag und lassen die Teilnehmer danach im Rollstuhl fahren oder mit verbundenen Augen einen Parcours ablaufen.Die Leute gehen danach ganz anders mit diesen Themen um.Und sie stellen Fragen,die sie sonst nie stellen würden.

Und dann?
Dann denken sie vielleicht beim nächsten Umbau in ihrem Geschäft darüber nach,wie breit die Tür zur Toilette sein muss. Oder sie stellen auch mal einen Menschen mit Behinderung ein -und ermutigen dadurch auch andere Unternehmen,Ähnliches zu tun.

Werden Menschen mit Behinderungen in Zukunft stärker in den Arbeitsalltag einbezogen?
Ich hoffe es.Man hat immer diese Vorurteile,zum Beispiel dass behinderte Menschen ständig krank seien.Dabei kenne ich körperlich schwer Behinderte,die vielleicht weniger ausfallen als eine Frau,die drei Kinder hat und jedes Mal Mutterschaftsurlaub bezieht.

Sie haben in der Vergangenheit mehrfach betont,dass Sie nicht«künstlich»inkludiert und bemitleidet werden wollen.Lässt sich das überhaupt vermeiden?
Man muss uns einfach selbst sprechen lassen.Niemand sonst kann unsere Erfahrungen so wiedergeben,wie wir sie eben erleben.
Wenn ich dannmit den Leuten rede,haben die kein Mitleid mit mir, sondern sie sagen:«Du bist taff, ich könnte das nicht stemmen.»

Man nimmt die Behinderung weniger wahr.
Die Behinderung ist noch da, aber sie ist nicht mehr Priorität. Dann steht der Mensch im Zentrum,mit all seinen Fähigkeiten und Kompetenzen.Das ist wichtig:Die Behinderung ist nur eine Facette des Menschen.

Sie waren an vielen Orten die Erste,die mit ihrer Behinderung den Weg für andere bahnte.Was raten Sie denen, diees Ihnen heute gleichtun wollen?
Nicht auf geben.Den Versuch wagen.Wenn es nicht geht,dann geht es halt nicht.Auch bei Gesunden klappt nicht immer alles. Und dann:aktiv sein,Präsenz markieren.Und sich selbst ein gutes Umfeld schaffen,das einen auffängt,wenn einem alles zu viel wird.

Was können Nicht betroffene im Oberwallis heute tun,um sich für den Einbezug von Menschen mit Behinderungen einzusetzen?
Auf die Betroffenen zugehen und das Gespräch suchen.Wenn man behinderte Menschen im Alltagantrifft:fragen,obman ihnen behilflich
sein kann.Gerade Letzteres erlebe ich im Oberwallis zum Glück immer häufiger.Aber die breite Bevölkerung kann die Barrieren,die für uns bestehen,nicht verändern.

Wir sind also wieder bei der Politik.
Genau.Die Oberwalliserinne und Oberwalliser können im Kleinen handeln,aber es braucht vor allem bessere Gesetze.Die Bevölkerung kann höchstens darauf achten,wer sich immer wieder für Menschen mit Behinderung einsetzt-nicht erst kurz vor den Wahlen.Diese Leute zu wählen,ist vielleicht ein erster Schritt.

Der Umgang mit Behinderten verändert sich,wenn auch langsam.Wie lange wir des dauern,bis behinderte Menschen auch im Oberwallis
überall ein bezogen werden?

Die groben Rahmenbedingungen müssen so schnell wie möglich angepasst werden.Der Rest wird wohl noch dauern.Aber eine vollständige Inklusion wir des nie geben,es ist ein Prozess.

Warum?
Es gibt unzählige Arten von Behinderungen.Und jede einzelne betroffene Person ist nochmals verschieden.In der Öffentlichkeit wird man immer Kompromisse eingehen müssen.

Wie sieht ein solcher Kompromiss aus?
Ich fordere ja auch nicht,das sein Wanderweg auf das Matterhorn rollstuhlgängig wird.Ein gewisser Pragmatismus gehört dazu.Wenn ein Coiffeursalon drei Stufen hat, muss man den Inhaber deswegen nicht schütteln.Dann geht man einfach zum nächsten.Aber es geht um den Grundsatz.Darum, dass man uns mitdenkt.Dass man uns nicht vergisst.

Sommerserie Zukunft
Lesen Sie am nächsten Samstag: Andrea Ebener,Fotografin