«Ein konsequentes Aussortiertwerden»

(Der Bund)

Leben mit einer Behinderung

Christoph Keller spricht schonungslos offen über seinen Alltag im Rollstuhl.
Und der Schweizer Autor erklärt, was Behinderte mit Superhelden zu tun haben.


,,Schweizergehen oft tollpatschig mit Behinderten um“, sagt Christoph Keller über sein Leben mit einer körperlichen Behinderung.
Foto: Gien Ehrenzeller (Keystone)

 

Denise Jeitziner

In Ihrem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» beschreiben Sie Ihren Alltag mit Passagen wie «zum Duschenund Kacken benutze ich einen Toilettenstuhl aus Polyurethan». Ist Provokation nötig, um Aufmerksamkeit zu erhalten?

Ja. Ich habe lange in den USA gelebt und hier in der Schweiz gemerkt, dass wir viel zu wenig über diese Dinge und die massive Diskriminierung sprechen. Und das, obwohl 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer mit einer Behinderung leben.

Wenn selbst Randgruppen wie Transgender viel Aufmerksamkeit für ihre Anliegen bekommen: Warum klappt das bei der grossen Masse von Menschen mit einer Behinderung nicht?

Wir Menschen mit einer Behinderung sind so etwas wie das Memento mori, ein Zeichen für die menschliche Gebrechlichkeit und Sterblichkeit. Darum verschliessen wir lieber die Augen vor allem, was damit zu tun hat. In den USA gab es bis vor wenigen Jahrzehnten in manchen Gliedstaaten noch das «Ugly Law», das Behinderten verbot,sich auf der Strasse zu zeigen.Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Unsere Behinderung kann uns zwar niemand nehmen, wir können jedoch dafür kämpfen, dass Hindernisse abgebaut werden. Damit wäre übrigens allen geholfen. Es kann ja auch jeden jederzeit treffen,durch einen Unfall, eine Krankheit oder im Alter.

Sie vergleichen Krüppel mit Superhelden.Wie kommen Sie darauf?

Wenn man ein richtiger Krüppelist, muss man auch ein richtiger Superheld sein, sonst schafft manes kaum durch den Tag. Und schauen Sie sich einmal an, wie viele Comic-Superhelden eine Behinderung haben. Daredevil,Hawkeye oder Dr. Mid-Nite sind blind, Captain Marvel Jr. ist Paraplegiker, Iron Man hat einen Herzfehler. Aus diesen Defiziten ist eine Superkraft geworden. Das klingt klischeehaft, aber ich glaube wirklich, dass Schicksalsschläge einen stark machen können.

Bei den Superhelden nimmt man diese Defizite aber nicht wahr. Ist dies das Ziel?

Nein, genau das Gegenteil. Es geht um die Sichtbarkeit. Es gibt Leute, die mir sagen: Ich sehe gar nicht, dass du im Rollstuhl bist.Und ich denke: Hast du Tomaten auf den Augen? Ich finde, man soll darüber reden. Natürlich nicht ständig. Aber die Behinderungen sind nun mal da, es sind kleinere und grössere Unterbrüche im Alltag, und das nonstop.Das ist für mich wie eine Metapher für das ganze Leben.

Sie beschreiben im Buch haarsträubende Situationen aus New York. Ein Mann, der Ihnen «Krüppel» nachbrüllt, ein Kinoangestellter, der die Polizei rufen will, weil Sie sich im leeren Saal nicht auf den miserablen Rollstuhlplatz stellen möchten. Restaurantgäste, die Sie einzeln bitten müssen,beiseitezurücken. Passiert so etwas auch in der Schweiz?

Die Situation im Restaurant ist mir hier auch mehrfach passiert.Die Leute schauen mich an, wie ich den ersten Gast am Tisch frage, ob er mir bitte Platz machen könnte. Dem nächsten Gast kommt aber nicht in den Sinn, dass er auch Platz machen könnte. Ich muss ihn also separat bitten. Und den übernächsten auch. Was mir auch auffällt: Schweizer gehen oft tollpatschig mit Behinderten um. Wenn ich zum Beispiel ein Konzert besuchen möchte, muss ich immer zuerst nachfragen, ob es eine Rampe hat, wie viele Stufen da sind und so weiter. Da bekomme ich Antworten wie: Wir hatten auch schon solche wie Sie hier. Das bringt mein Blut in Wallung, denn das heisst ja noch nicht,dass ich tatsächlich reinkomme.Daher verlange ich meistens Fotos der Situation,was in der Regel nicht gut ankommt. Für diese Leute bin immer ich das Problem, nicht sie beziehungsweise das Gebäude.

Was löst das bei Ihnen aus?

Das kommt auf die Stimmung an. Wenn ich militant gestimmt bin, schreibe ich einen Artikel darüber, manchmal will ich jedoch einfach nur ein Konzert geniessen und kein Aktivist sein. Durch das Buch habe ich nun aber solche Erlebnisse verarbeitet. Zum Beispiel, wie erniedrigend das Fliegen für mich ist. Ich darf nicht mit meinem eigenen Rollstuhl ins Flugzeug, sondern werde auf ein klappriges Teil gehievt und an meinen Platz gebracht, wo ich dann bis zum Ende des Fluges ausharren muss,inklusive Blasenkontrolle. Wenn Nichtbehinderte das hören, sagen sie, oh, hoppla, scheisse. Ich hoffe, dass die Leser sich Gedanken machen und sich vielleicht etwas ändert.

Glauben Sie, dass die richtigen Leute das Buch lesen oder nur jene, die sowieso schon sensibilisiert sind?

Ich wage zu behaupten, dass dieses Buch querbeet gelesen wird.

Was ist mit den Kampagnen wie der neuen von Pro Infirmis?
Können diese tatsächlich nachhaltig für die Anliegen von Menschen mit Behinderung sensibilisieren?

Ich weiss es nicht. Ich melde mich ja auch seit 25 Jahren immer wieder zu Wort und frage mich, ob das etwas bringt. Oder dass Sie nun einen Artikel darüber schreiben und dann erst im nächsten Jahr wieder einen, weil das Behindertenthema nun ja abgehandelt worden ist. Aber ich denke schon, dass mit jeder Kampagne und jedem Artikel etwas erreicht wird.

Machen es die jungen Menschen besser, die nun vermehrt ihre körperlichen oder geistigen Behinderungen wie eine Beinprothese oder Trisomie 21 auf Instagram zelebrieren?

Social Media funktionieren jaüber Neid. Man muss sich also als Behinderter so präsentieren,dass alle neidisch werden und auch behindert sein wollen. Nein,im Ernst. Mich freut es, dass da scheinbar eine neue Generation heranwächst, die sagt: Jetzt ist Schluss mit Verstecken, jetzt zeige ich, wer ich bin. Die auch ein tolles Foto von sich vor einem Daiquiri mit Cocktail-Schirmchen posten und damit angeben.Warum denn nicht?

Was ist mit Mode firmen,die behinderte Models über den Laufsteg schicken?
Ist das nicht heuchlerisch?

Wenn man das nur als einmalige Aktion für die eigene Publicity tut, finde ich das nicht nur heuchlerisch, sondern zynisch. Wenn die Firmen es wirklich ernst nehmen, müssten sie es durchziehen und den Behinderten einen Vertrag geben. So wie bei Peter Dinklage von «Game of Thrones». Der ist ein Spitzenschauspieler und halt kleinwüchsig. Allein durch seine Präsenz hat er das Anderssein normalisiert und Türen geöffnet.

Was sind für Sie die grössten Hürden, abgesehen von Bordsteinen, Stufen oder Schlaglöchern?

Es ist die strukturelle Diskriminierung, die viel tiefer geht. Wir haben in der Schweiz zwar für alles irgendwo eine Stelle, aber wir sind allgemein nicht wirklich integriert. Menschen mit Behinderungen kommen nicht wirklich an den Futtertrog, selbst Behindertenorganisationen oder die IV werden mehrheitlich von Nichtbehinderten geführt. Im Literaturbetrieb ist das nicht anders. Es gibt kaum erfolgreich eAutorinnen und Autoren mit Behinderung. Ich habe dieses Jahrden alemannischen Literaturpreis bekommen, aber das isteine grosse Ausnahme.

Wieso denn? Warum ist es für Sie im Rollstuhl schwieriger alsfür einen Autor, der auf einem gewöhnlichen Stuhl sitzt?

Wegen der eingeschränkten Mobilität. Ich kann nicht ständig überall präsent sein, weil ich nicht zu Literaturveranstaltungen eingeladen werde, wenn der Ort nicht barrierefrei ist. Wenn man nicht eingeladen wird, ist man nicht dabei, kommt nichtins nächste Gremium, wird nicht für den nächsten Preis berücksichtigt. Es ist ein konsequentes Aussortiertwerden. Niemandkann etwas dafür. Und gleichzeitig kann jeder etwas dafür.

Christoph Keller
Der 57-Jährige wurde in St. Gallen geboren und ist Autor zahlreicher preisgekrönter Romane, Theaterstücke und Essays. Zuletzt ist im Limmat-Verlag sein lesenswertes Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erschienen. Keller hat seit seiner Kindheit spinale Muskelatrophie, eine unheilbare, progressive neuromuskuläre Erkrankung.

Kinderfoto-Challenge

Wenn Erwachsene sich freiwillig in regenbogenfarbene Schwimmflügel zwängen oder in einen selbst gestrickten Pullover im Siebziger-jahre-Chic und seltsam posieren,dann kann es sich fast nur um eines handeln: um die Kinderfoto-Challenge – eine der populärsten in den sozialen Medien. Nun hat die Pro-Infirmis das Internet-Phänomen auf ihre neuste nationale Plakatkampagne geholt. Mit der Besonderheit, dass auf den köstlichen Vorher-nachher-Fotos ausschliesslich Menschen mit einer Behinderung zu sehen sind. Bei Instagram und Facebook läuft parallel dazu eine Solidaritätskampagne: Unter dem Hashtag #WieDuUndlch kann jeder eigene Challenge-Bilder von sich zeigen. Egal, ob mit Behinderung oder ohne.(red)


Kampagnen-Sujet: «Marcel, fotogen. Damals wie heute.» Foto: Pro Infirmis

 

Kritik an IV-Gutachten

(Walliser Bote)

Bern: Inclusion Handicap findet Abklärungen in vielen Fällen nicht fair

Willkürliche IV-Gutachten sind laut Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen, gang und gäbe. In vielen Fällen seien die Abklärungen nicht fair. Fehlbare Gutachter gehörten aus dem Verkehr gezogen und alle Gutachten müssten nach dem Zufallsprinzip vergeben werden.

Bei der seit Ende Februar 2020 operativen Meldestelle von Inclusion Handicap sind bis Ende September insgesamt rund 300 Meldungen von Versicherten,Rechtsvertretern und Ärzten mit Beanstandungen eingegangen, wie der Dachverband der Behindertenorganisationen am Freitag mitteilte.

Die Eingaben zeichnen ein trübes Bild der Gutachtertätigkeit. Einige Gutachter wür dendie Arbeitsfähigkeit systematisch zu hoch einschätzen und dafür von den IV-Stellen immer wieder mit lukrativen Aufträgen belohnt, schreibt Inclusion Handicap in einer Mitteilung.Es seien 53 Meldungen eingegangen, wonach die Gutachter den jeweiligen Versicherten zu 100 Prozent arbeitsfähig einschätzten; die behandelten Anzte dagegen hätten in jedemdieser Fälle 0 Prozent attestiert.«Diese Fälle zeigen die klare Tendenz der harten Gangart in den Gutachten auf», schreibt Inclusion Handicap. Zuweilen reiche den Gutachtern ein Gespräch von 15 oder 20 Minuten,um über das Anrecht auf eine IV-Rente zu entscheiden, ohne Rücksicht auf die Schlüsse des Arztes.

Schlechtes Klima und Simulationsvorwürfe

20 Mal hätten Ärzte gemeldet,dass die Gutachten nicht dem medizinischen Standard entsprächen. Zudem berichte die überwiegende Mehrheit der Versicherten, dass die Diagnosen nicht oder nur teilweise übereinstimmten. Mehr als die Hälfte der Eingaben thematisiere das schlechte Klima, in dem die Gutachtergespräche stattgefunden hätten. Dabei habe es auch Simulationsvorwürfe gegeben.

Laut Inclusion Handicap hat sich insgesamt der Verdacht erhärtet, «dass einige Gutachter mit lukrativen Aufträgen belohnt werden, wenn sie die Arbeitsunfähigkeit tief einschätzen». Alle Gutachten müssten deshalb nach dem Zufallsprinzip vergeben und feh-bare Gutachter aus dem Verkehr gezogen werden, fordertder Dachverband.

Zudem müsse bei einem Gutachtergespräch immer eine Drittperson dabei sein. Und Fälle, bei denen Versicherte aufgrund von nachweislich schlechten Gutachten keine oder zu tiefe Leistungen erhalten haben,müssten neu aufgerollt werden,so Inclusion Handicap.

Warten auf externe Untersuchung

Erste Verbesserungen erhofft sich der Dachverband von der IV-Revision, die ab 2022 in Kraft treten soll. Diese sieht namentlich vor, dass Gutachtergespräche künftig aufgezeichnet werden müssen. Und Inclusion Handicap wartet gespannt auf die externe Untersuchung, die Gesundheitsminister Alain Berset in Auftrag gegeben hat.

Auch dieser will Klarhei tüber die Praxis bei der Erteilung der IV-Renten. Er hat Ende 2019 eine interne Untersuchung gegen die Aufsichtstätigkeit des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) und eine externe Analyse zur Gutachtertätigkeit der IV-Stellen veranlasst.sda


Willkür gang und gäbe. Die Beanstandungen zeichnen ein trübes Bild der Gutachtertätigkeit.SYMBOLFOTO KEYSTON

 

Anna, 56, dement

(Beobachter)

DEMENZ. Die Krankheit, die das Gedächtnis löscht, kann auch jüngere Menschen treffen die noch mitten im Arbeitsleben sind. Für sie gab es kaum Angebote – bis jetzt.

TEXT: MELANIE WIRZ 1 ILLUSTRATION: ANNE SEEGER

Plötzlich fehlten in ihrem Kopf die Zahlen. Und wenn sie doch da waren, ergaben sie keinen Sinn mehr. Anna Luzio* war Chemie-Ingenieurin, Rechnen ihr Beruf. Sie kalkulierte die Zusammensetzung chemischer Gemische. «Doch irgendwann hatte ich mein Gefühl für die Zahlen verloren. Ich konnte keinen Dreisatz mehr. Manchmal nicht mal mehr die Zeit ablesen», sagt sie. Sie fasst sich ans linke Handgelenk, wo sie früher immer eine Uhr trug, und erzählt von der Zeit, als siezu vergessen begann.

155 000 Menschen in der Schweiz leiden aneiner Form von Demenz. Betroffen sind vorallem ältere Menschen. Doch die Krankheit,die das Gedächtnis auslöscht, macht auch vorjüngeren nicht halt.

Anna Luzio war 56, als sie die Diagnose Alzheimer erhielt. Jungbetroffene, damit sind 45- bis 65-Jährige gemeint, machen 5 Prozent der Demenzerkrankten aus. So klein wie diese Zahl ist auch das Angebot. Schweizweit gab es bisher keine spezialisierten Wohnangebote.Einrichtungen, Therapien und Gesprächsgruppen sind vor allem auf betagte Personen ausgerichtet.

Ein Ort, der fehlt.

Dabei haben Menschen, die im Erwerbsalter an Demenz erkranken, andere Bedürfnisse als Pensionierte. Sie stehen an einem anderen Punkt im Leben, haben oft volle Terminkalender, Verpflichtungen, Beziehungen, vielleicht sogar Kinder – und sie haben inder Regel einen Job. Ältere hingegen erledigen viele Dinge nicht mehr selbst, wenn sie erkranken. «Das ist der grosse Unterschied, deshalb braucht es spezialisierte Angebote für Jüngere»,sagt Luzia Hafner. Sie ist Pflegefachfrau und Leiterin des Hofs Obergrüt in Ruswil LU, einemBetreuungsort für Demenzerkrankte.

«Unser allererster Gast vor 16 Jahren war ein 60-Jähriger», erinnert sie sich. «Wir waren oft mit Jungbetroffenen konfrontiert und stellten immer wieder fest: Es gibt keinen passenden Ort für sie.» Einen Ort, an dem sie sich aufgehoben und nicht fehl am Platz fühlen, wo es geschützte Arbeitsplätze gibt, ein angepasstes Umfeld. «Jüngere im Anfangs- und im mittleren Stadium der Krankheit gehören nicht in Betagten- und Behindertenheime.»

Explizites Angebot.

Den Hof Obergrüt, den Luzia Hafner führt, wird es in dieser Form bald nicht mehr geben. In einer Abstimmung im Juni ebnete die Gemeinde Rickenbach LU den Weg für das Pionierprojekt «Hof Rickenbach».Im ehemaligen Dominikanerinnenkloster soll ein Ort für junge Menschen mit Demenz entstehen. Das Projekt wurde mit 96,4 Prozent der Stimmen angenommen. «Ein unglaubliches Zeichen», sagt Luzia Hafner, die stellvertretende Leiterin des Projekts «Hof Rickenbach» ist. Anfang September konnte die Stiftung den Vertrag für den Klosterkauf unterzeichnen.

Am neuen Standort wird es ab nächstem Spätsommer neben Ferien- und Tagesplätzen für Demenzerkrankte ein explizites Angebot für Jungbetroffene geben. Eine Wohngruppe mit elf Plätzen, ausserdem sieben Zimmer für Langzeitpflegeplätze mit Betreuung, Pflege und Begleitung. «Wir werden mit unseren Gästen kochen, waschen, putzen. Sie können ihren Hobbys nachgehen, mit uns über ihre Ängste und Probleme sprechen. Wir wollen,dass ihr Leben weitergeht, ohne dass sie an Lebensqualität verlieren.»

In der Schweiz gab es bisher kein vergleichbares Projekt. Ein Grund: «Demenz war lange Zeit ein Tabuthema. Es brauchte viel Aufklärungsarbeit – von Fachpersonen, Angehörigen und Betroffenen», sagt Luzia Hafner. Das Bewusstsein dafür sei heute um Welten grösser. Nur dass Demenz auch Jüngere treffen könne, sei wenig bekannt.

Selbsthilfe.

Anna Luzio fand nach ihrer Diagnose keine passenden Angebote, «weil es so schien, als wäre es keine wichtige Sache. Plötzlich gehörte ich nirgends mehr dazu», sagt sie.Deshalb hatte sie sich entschlossen, selber eine Gruppe zu gründen. «Für mich war klar,dass ich mich vernetzen wollte. Ich dachte zuerst, ich wäre allein mit diesem Wunsch. Nun sind wir aber eine kleine Gruppe, die sich regelmässig trifft.» Seit Juli gibt es bei Selbsthilfe Zürich die Selbsthilfegruppe «Unter 65,kompetent trotz Demenz».

Ein weiterer Grund für das fehlende Bewusstsein sind Fehldiagnosen, sagt Irene Bopp-Kistler. Sie ist Leitende Ärztin der Memory Clinic Stadtspital Waid in Zürich, wo 500 Personen jährlich auf Demenz abgeklärt werden. Ein Fünftel davon sind junge Betroffene. «Bei ihnen wird besonders oft eine falsche Diagnose gestellt, weil die Symptome,etwa die Vergesslichkeit, falsch gedeutet werden», sagt sie. «Das kann zu einem Stellenverlust statt zu einer Krankschreibung führen.»Am häufigsten wird die Demenz mit einem Burn-out oder einer Depression verwechselt.

Demenz ist nicht heilbar. Der fortschreitende Verlust der Nervenzellen im Hirn lässt sich bis heute nicht aufhalten. Passende Therapien und Medikamente lindern die Symptome und sorgen dafür, dass Betroffene länger selbständig bleiben. Weshalb man an Alzheimer-Demenz erkrankt, weiss man nicht, sagt Irene Bopp-Kistler. «Bei Jungen ist die Erkrankung oft genetisch, also vererbt.»

Die Zahl jüngerer Demenzerkrankter wird zunehmen. Ein Grund dafür sind die Baby-boomer, die ins Alter kommen. «Aber auch,weil Betroffene schneller auffallen. In der digitalisierten Arbeitswelt mit ihrem zunehmenden Leistungsdruck gibt es keinen Platz mehr für Fehler», so Bopp-Kistler. Wichtig sei,dass Arbeitgeber vermehrt für die Problematik sensibilisiert und angepasste Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Die Kündigung.

Anna Luzio versuchte anfänglich ihre plötzlichen Schwächen bei der Arbeitzu vertuschen. «Wenn eine Kalkulation für eine chemische Mischung nötig war, fragte ich einen Kollegen, ob er übernehmen kann. Ich sagte, ich hätte gerade keine Zeit. Dabei wusste ich einfach nicht mehr, wie es geht.» Sie habe damals nie an Demenz gedacht. Der Job war intensiv, sie trug viel Verantwortung. «Ich schob meine Probleme auf den Leistungsdruck, meinte, ich hätte vielleicht ein Burn-out. Meine Ärztin war derselben Meinung.»

Doch Anna Luzio vergass immer mehr.Sie erhielt eine Abmahnung von ihrem Arbeitgeber. Ein Jahr später wurde ihr gekündigt.

Wann war das? Die 58-Jährige blickt über ihren schmalen Brillenrand und schaut ihre Schwester an. «Weisst du noch, wann das war?» Ihre Schwester nickt: «Vor zweieinhalb Jahren. Im Februar 2018.» Einen Tag später sass sie in der Praxis ihrer Ärztin und erhielt zuerst die falsche Diagnose MS, Multiple Sklerose. Erst genauere Untersuchungen und kognitive Tests brachten Klarheit. Die Ergebnisse zeigten: frühe Demenz. «Die Untersuchungen waren brutal», sagt sie. «Mir wurde vor Augen geführt, was ich alles nicht mehr wusste und nicht mehr konnte. Als ich das realisierte, tat es sehr weh.»

Verkürzte Lebenserwartung.

Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass sie nie mehr gesund wird.Dass Dinge vergessen gehen, Erinnerungen verschwinden werden. Die Diagnose machte klar, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird.Denn die Krankheit löscht nicht nur nach und nach das Gedächtnis aus. Sie verkürzt auch die Lebenserwartung: Junge Alzheimer-patienten sterben in der Regel sechs bis achtJahre nach der Diagnose. «Ich spüre jetzt, dass mein Leben endlich ist.»

Angst habe sie deswegen keine. Sie sei irgendwie erleichtert gewesen, als sie die richtige Diagnose erhielt: «Mein Gefühl hatte endlich einen Namen.» Jetzt konnte sie ihr neues Leben planen. Alzheimer-Medikamente, Vitamine, Mineralien gehören dazu,ebenso Ergo-, Physio- und Maltherapie. Die Spitex ist regelmässig bei Anna Luzio zu Hause, unterstützt sie in ihrem Alltag. «Und meine Freunde und meine Familie sind eine grosse Hilfe.» Ihr Umfeld ist jedoch deutlich kleiner geworden. «Ich schätze, das ist normal.Zurückziehen möchte ich mich nicht, aber ich halte meine Welt kleiner.»

Die Krankheit nervt sie vor allem beiAlltagsdingen. «Manchmal verschwinden Sachen, die ich sagen wollte, irgendwo in meinem Hirn. Wörter liegen mir auf der Zunge,aber sie kommen nicht heraus.» Einfache Tricks helfen. Zettel, die sie an die Tür klebt.Oder ihr schwarzes Notizbuch, das sie auch jetzt auf ihrem Schoss liegen hat, einen Stift zwischen die Seiten geklemmt. Sie schreibt sich alles auf, was sie nicht vergessen will.Termine, Telefonnummern, Namen, Orte.

Zu ihrem neuen Leben gehört auch, dass sie sich mit Fragen auseinandersetzen muss,auf die sie vorher keine Antworten brauchte.Wer bezahlt den Lohnausfall? Welche Sozialversicherungen unterstützen sie? Anna Luzios Schwester wirft ein: «Anna wurde zwischen Arbeitgeber, Taggeldversicherung, IV und RAV hin und her geschoben. Wir wussten nicht,wer wofür zuständig ist. Es schien, als würden das die verschiedenen Anlaufstellen selbst nicht wissen. Unterstützt wurden wir vor allem von Institutionen wie der Pro Infirmis.»

Anna Luzio ist zu Beginn des Sommers in eine kleinere Wohnung gezogen, damit alles etwas näher beieinander ist. «Ich habe auch bereits entschieden, wo ich hinmöchte, wenn ich nicht mehr allein zu Hause sein kann.» Diese Selbstbestimmung möchte sie zuletzt verlieren.

 

«Bei jungen Betroffenen wird oft eine falsche Diagnose gestellt,die Demenz mit Burn-out oder Depression verwechselt.»
Irene Bopp-Kistler,Leitende ÄrztinMemory Clinic Waid

Beobachter-Buch Stefanie Becker:«Demenz – Den Alltag mit Betroffenen positiv gestalten»,2018, 272 Seiten,39Franken(für Beobachter-Mitglieder 31 Franken)Beobacter-Edition,Tel. 058 269 25 03, www.beobachter.ch/buchshop


Irene Bopp-Kistler,Leitende Ärztin Memory Clinic Waid

 

Die finanziellen Hürden

Bei jüngeren Alzheimerpatienten haben finanzielle Fragen einen noch viel höheren Stellenwert als bei älteren, sagt Ingrid Cretegny, Pflegefachfrau und Beraterin bei Alzheimer Schweiz. Sie empfiehlt: «Baldmöglichst nach der Diagnose die Invalidenversicherung informieren, weil sie im Rad der Sozialversicherungsfragen eine entscheidende Rolle hat.» Die IV unterstützt Betroffene am Anfang, damit ihr Arbeitsplatz an die noch vorhandenen

Fähigkeiten angepasst wird.Für Erwerbstätige ist zuerst die Krankentaggeldversicherung wichtig. Nach der Diagnose gilt eine Lohnfortzahlungspflicht.Hat jemand die Stelle verloren,muss man unbedingt die Arbeitslosenversicherung informieren, auch wenn die Diagnose noch unklar ist. «Bei jungen Menschen mit Demenz ist dabei wichtig, dass sie in den letzten zwei Jahren vor der Arbeitslosigkeit während mindestens zwölf Monaten angestellt waren», sagt Cretegny. Dann könne man nachträglich Taggelder einfordern.

Wenn es nicht reicht.

Unterstützung gibt es auch in Formvon Assistenzbeiträgen im Rahmen der Hilflosenentschädigung. Beiträge können von Betroffenen beantragt werden,die noch nicht im Rentenalter sind und noch selbständig wohnen. «Mit den Assistenz-beiträgen der Hilflosenentschädigung will man erreichen,dass die Menschen möglichst lange zu Hause bleiben können und dass Angehörige bei der Betreuung entlastet werden»,sagt Ingrid Cretegny. Mit dem Geld kann man eine Betreuungsperson anstellen, die einen im Alltag und in der Freizeit begleitet. Wichtig: Assistenzbeiträge kann man nur vor dem Rentenalter beantragen, danach nicht mehr. Erhält man sie, hat man sie aber über die Pensionierung hinaus zugute.Für die Betreuung in einem Pflegeheim müssen Betroffene selbst aufkommen – sie haften bis zu einem definierten Freibetrag beim Vermögen: Bei Alleinstehenden sind es 37 500 Franken und bei Ehepaaren 60 000. Nur wenn sie weniger haben, erhalten sie Ergänzungsleistungen.

Der lange Weg zur Inklusion

(St. GallerTagblatt / St. Gallen-Gossau-Rorschach)

Das Beispiel des St. Gallischen Hilfsvereins zeigt: Die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, ist nicht einfach. Aber möglich.
Diana Hagmann-Bula


Marco,ehemaliger Töffnnechani ker, sucht noch immer einen Chef, der seine psychische Krankheit akzeptiert.Bild: PD

 

Draussen scheint die Sonne,doch in ihm drinnen ist es düs-ter. Schizoaffektive Störung, Depression, Persönlichkeitsstörung, Alkoholsucht, fasst Marco,36 Jahre alt und ehemaliger Töffmechaniker, seine Diagnose zusammen. «Im Moment höre ich Stimmen und schlafe schlecht. Mir geht es gerademies.» 2014 kam er zum ersten Mal in die psychiatrische Klinik.Heute wohnt er in Wil allein in einer Wohnung, empfängt wöchentlich eine Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Psychiatrie.«Wir reden vor allem. Manchmal hilft sie mir im Haushalt.»

Marco ist Klient des St. Gallischen Hilfsvereins (SGHV),der Dienstleistungen für psychische Gesundheit anbietet. Der Mann leidet nicht nur unter se-ner Krankheit, sondern auch unter der Gesellschaft. Eine psychische Erkrankung sei noch immer «ein No-Go», er werde be-lächelt, sogar von seiner Familie. 30 Mal hat sich Marco erfolglos für eine grössere Wohnung beworben. Die Gründe für die Absagen seien fadenscheinig gewesen, sagt er. «Man will mich und meine psychischen Probleme einfach nicht.»

Der Klient ist nun der Spezialist

Eben solche Erlebnisse will die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verhindern. DieSchweiz hat sie 2014 ratifiziert.«Noch ist sie aber nicht umgesetzt», sagt Rudi Maier, Dozent für Soziale Arbeit an der Ostschweizer Fachhochschule. Er berät auch Organisationen wieden SGHV, sitzt an diesem Nachmittag in dessen Büro an der Webergasse und hört Marco zu. Die UN-BRK umzusetzen,bedeutet, Menschen mit psychischen Krankheiten auf Augenhöhe zu behandeln und sie darin zu unterstützen, am öffentlichen Leben teilhaben zu können.Tönt selbstverständlich, sei aber aufwendig und kompliziert, sagt Maier: «Wir schleppen eine lange Sozialgeschichte der Ausgrenzung mit uns herum.» Man habe die Betroffenen am liebsten im Grünen isoliert, weitab des Dorfes oder der Stadt, ihnen eine straffe Struktur gegeben mit dem vordergründig lobenswerten Ziel, sie zu fördern, so Maier. «Fördern bedeutet aber auch, jemandem zu verstehen zu geben, dass er nicht in Ordnung ist, wie er ist.» Sebastian Reetz-Spycher, Geschäftsführer des SGHV, nennt ein anderes Beispiel: «Herkömmliche Konzepte stationärer Wohnformen verdonnern Klienten immer noch dazu, in der Wohngruppe jeden Mittwochabend darüber zu reden, was sie beschäftigt.Vor und mit Menschen, die sie sich nicht ausgesucht haben.»

Der Verein hat nun seine Visionen, Mission und Werte neu formuliert. Dazu hat sich eine Gruppe, bestehend aus Geschäftsleitung, Experten und Betroffenen, in einem Workshop gefragt: Wie kann der SGHV die UN-BRK noch besser umsetzen?

Wie gelingt es Fachleuten, den Klienten noch besser zuzuhören, statt zu denken: Ich weiss, was du brauchst? «Der Klient ist Spezialist in eigener Sache.Menschen mit psychischer Krankheit können trotz ihrer Geschichte und ihres Unterstützungsbedarfs selbstständig reden unddenken»,sagt Reetz-Spycher. Menschen mit psychischer Krankheit müssten sich emanzipieren, sich annehmen, zu sich stehen, betont Maier. Er freut sich, dass im Winter in St. Gallen eine Pride Parade stattfinden wird, die vonMenschen mit einer Behinderung organisiert wird. «Ein Hinweis dafür, dass sich etwas tut.»


Sebastian Reetz-Spycher, Geschäftsführer des St. Gallischen Hilfsvereins.Bild: PD

 

150 Jahre alt ist der SGHV, bietet eine Wohngemeinschaft, Wohnbegleitung, psychiatrische Spitex sowie Tagesstrukturen und finanzielle Hilfe im Einzelfall an. «Wir sind aufgutem Weg bezüglich UN-BRK, aber noch nicht am Ziel», sagt Geschäftsführer Sebastian Reetz-Spycher.In vielen Institutionen können Betroffene Tagesstrukturen nur halbtageweise nutzen, darunter geht nichts.Reetz-Spycher spricht von finanziellen Gründen und einfacherer Planbarkeit, die zu diesem Korsett geführt hätten. Beim SGHV dürfen Klienten auch nur kurz vorbeischauen: mithelfen, reden oder sich einfach zwei Stunden auf das Sofa legen. Reetz-Spycher:«Sie sollen selbst entscheiden,wie viel Angebot sie beanspruchen.» Maier nennt solche Angebote Orte der verlässlichenBegegnung. Freiraum sei auch für diese Menschen der Schlüssel, sich selbst zu entdecken. «Es wird Unglaubliches passieren,wenn man sie von Druck und Zwang befreit», ist er überzeugt.

«Sich zu zeigen,verändert das Leben»

Der SGHV soll bei traditionellen Angeboten wie dem betreuten Wohnen nicht weiterwachsen,sondern bei der ambulanten Betreuung zulegen, so die Absicht.Sind drei von zwölf Plätzen eines Wohnheims nicht belegt, weil Klienten unterstützt werden, in eine eigene Wohnung mit ambulanter Begleitung überzutreten, ist das zwar ein betriebswirtschaftliches Risiko. «Aber dieser Beitrag zu einer Gesellschaft ohne Stigmatisierung ist nötig», sagt Reetz-Spycher.

Einer, der ganz genau weiss,was diese Schritte konkret bedeuten, ist Mario, 57, aus Heiden. Es brauche nicht nur beiden Organisationen Mut zu neuen Wegen, sondern auch bei den Betroffenen. «Viele wären gerne aktiv, trauen sich aber nicht raus, aus Scham», sagt er. Mario hat sich überwunden. Der ehemalige Informatiker, der nicht mehr mit dem von der Gesellschaft erwünschten Tempo mithalten konnte, fiel in eine Depression, der Alkohol verschärfte sie zusätzlich. Mario liess sich zum Schreiner umschulen.«Doch noch immer war mir die Welt zu schnell.» 2004: der erste Klinikaufenthalt. Seit 3,5 Jahren nun arbeitet er als sogenannter Peer, auch für den SGHV, berät als genesener Betroffener andere Erkrankte. Plötzlich ergibt sein Leben wieder Sinn.«Meine Rolle ist nun die des Hoffnungsträgers. Ich habe esgeschafft und kann andere ermutigen», sagt er. Und wünscht allen Betroffenen, die Kraft zu finden, sich zu zeigen. «Es wird ihr Leben verändern.»
www.sghv.ch

CVP-Nationalrat Lohr warnt vor Anstieg der IV-Bezüger

(Blick)

Jahrelang war die Zahl der IV-Rentner rückläufig. Jetzt droht mit Corona ein Gegentrend,denn die Integration von Behinderten in den Arbeitsmarkt ist ins Stocken geraten.
21.09.2020, Marc Iseli

Corona trifft die Schwächsten hart. Quarantäne bei Einreise, Abstandsregeln, Schutzkonzepte, Rezession:Das ist ein Giftcocktail für die Wirtschaft. Die Unsicherheit bei den Arbeitgebern ist riesig und bedroht unterm Strich auch sozialpolitische Errungenschaften.Das sagt CVP-Nationalrat Christian Lohr (58)

Kritisch sieht er insbesondere die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt. Das war inden letzten Dekaden ein Schwerpunkt seiner politischen Arbeit.Immer wieder war er im Gespräch mit hiesigen Arbeitgebern.

Lohr, der auch Co-Vizepräsident der Behindertenorganisation Pro Infirmis ist, hat darauf hingewirkt, dass immer mehr Behinderte im normalen Arbeitsmarkt mit wirken. Mit Erfolg. Knapp 216’000 Personen in der Schweiz beziehen heute eine IV-Rente. Die Zahl ist seit Jahren rückläufig, trotz Bevölkerungswachstum. Der Grund: Viele IV-Rentner haben eine Anstellung gefunden und sind nicht mehr auf Zahlungen vom Staat angewiesen.

Entlastung für IV-Kasse

Das entlastet langfristig die IV-Kasse und sorgt bei den Betroffenen für mehr Zufriedenheit. Nur: «Jetzt laufen wir Gefahr, dass wir mehrere Schritte zurück machen», so Lohr.

Corona hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt massiv verschärft. Zehntausende Jobs sind schon weg, zahlreiche weitere stehen auf der Kippe. Allerorts werden Jobs gestrichen. In dieser Situation gehen kaum Türen auf für neue Integrationsprojekte. «Das ist Fakt», sagt Lohr.

Was muss man jetzt tun? Wer ist in der Pflicht? Der Staat? Die Arbeitgeber? Der Gesetzgeber? Der CVP-Mann aus dem Thurgau spricht sich für eine vernünftige Gangart aus. «Wir müssen die Realität auf dem Arbeitsmarkt akzeptieren», sagt er. «Gleichzeitig müssen wir immer wieder das Gespräch mit der Wirtschaft suchen.»

Appel an die Arbeitgeber

Er appelliert an die Verantwortung der Arbeitgeber – und unterstreicht die Fähigkeiten der Behinderten. Lohr spricht von sozialen Fähigkeiten, welche behinderte Personen mitbringen. Er spricht aber auch von neuen Chancen,das fachliche Potenzial auszuschöpfen.

Homeoffice sei nicht nur ein Problem bei der Integration, sondern auch eine Option für die Einbindung von Personen mit einer eingeschränkten Mobilität.

Den Betroffenen selbst spricht er Mut zu. «Lasst euch nicht unterkriegen», sagt er, der seit 58 Jahren mit körperlichen Einschränkungen lebt, weil seine Mutter damals vor seiner Geburt ein vermeintlich harmloses Beruhigungsmittel verordnet bekam – Contergan. Die Folge: schwere Missbildungen.

Lohr hat trotzdem viel erreicht. Und aus eigener Erfahrung weiss er, was nötig ist: «Dranbleiben, dranbleiben,dranbleiben.»


IV: Die Zahl der Rentner sinkt

 


Immer mehr Menschen mit einer Behinderung sind im Arbeitsmarkt integriert.

 


Die Corona-Krise gefährdet diese Situation, sagt CVP-Nationalrat Christian Lohr (58).

 


Lohr vertritt die Interessen der Behinderten und brennt für den Sport.

 


TV-Moderatorin Christa Rigozzi (37, M., mit Sonnenbrille) unterstützt Lohr.

 

Behindertenrechtskonvention

(Paracontact / deutsche Ausgabe)

Der UNO-Ausschuss überprüft die Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK) in de Schweiz. In der sogenannten List of Issues sind Fragen formuliert, die Bund und Kantone bis Herbst 2020 beantworten müssen.

Der UNO-Ausschuss bringt darin bereits zum Ausdruck, in welchen Bereichen er Probleme ortet. So muss die Schweiz beispielsweise darlegen, weche Massnahmen sie ergreift, um Menschen mit Behinderungen vor Benacheiligungen durch Dienstleister und private Arbeitgeber zu schützen.

Gestützt auf diese Antworten und Anhörungen von Staat und NGOs wird der UNO-Ausschuss die Schlussempfehlungen verabschieden. Darin wird festgehalten, inwiefern und in welchen Bereichen die UNO-BRK inder Schweiz umgesetzt ist und wo Massnahmen zu ergreifen sind. Der UNO-Ausschuss wird die Schweiz in seiner 24. Session vom.1 März bis 1. April 2021 überprüfen.

„Charta zur kulturellen Inklusion“

(buero-dlb.ch)

Breite Sichtbarkeit für die Anliegen der kulturellen Inklusion: Dafür steht die „Charta zur kulturellen Inklusion“. Sie wurde von der Fachstelle Kultur inklusiv von Pro Infirmis mit Kulturinstitutionen, Menschen mit Behinderungen sowie Stakeholdern aus den Bereichen Soziales und Kultur erarbeitet. Mit ihren neun Leitlinien will sie die inhaltliche Richtung für das gemeinsame Ziel der kulturellen Inklusion vorgeben.

Bild: Das Cover der „Charta zur kulturellen Inklusion“ wurde von Heinz Lauener, einem Künstler aus dem inklusiven Kollektiv Atelier Rohling in Bern, gestaltet.Die abgebildeten Figuren zeigen die gesellschaftliche Diversität. © http://www.atelierrohling.ch/

 

Die „Charta zur kulturellen Inklusion“ proklamiert gegenüber Dritten das Anliegen für kulturelle Inklusion in der Schweiz. Sie orientiert sich an der UNO-Behindertenrechtskonvention, Artikel 30, und wurde von der Fachstelle Kultur inklusiv von Pro Infirmis mit Kulturinstitutionen, Menschen mit Behinderungen sowie Stakeholdern aus den Bereichen Soziales und Kultur erarbeitet. Die Kulturinstitutionen, die das Label „Kultur inklusiv“ tragen, verpflichten sich, die Leitlinien der Charta im Verlauf ihrer mehrjährigen Partnerschaft eigenverantwortlich umzusetzen.

„Kultur ist dazu prädestiniert, den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft vorzuzeichnen, spricht sie doch Menschen unmittelbar an; zudem nehmen viele Kulturakteure in ihrem Selbstverständnis eine gesellschaftliche Vorreiterrolle wahr. Für das gemeinsame Ziel der kulturellen Inklusion gibt die Charta die inhaltliche Richtung vor und bietet mit ihren neun Leitlinien Orientierung. Kernanliegen ist die hindernisfreie und selbstbestimmte Teilhabe an der Kultur von Menschen mit Behinderungen als Kulturschaffende, als Publikum und als Mitarbeitende.“, heisst es in der Medienmitteilung zur Charta.

Die Charta wird von den Labelpartnern von Kultur inklusiv auf der eigenen Website veröffentlicht und kann als Lobby-Instrument bei Förderstellen im Bereich Kultur und Soziales eingesetzt werden. Menschen mit Behinderungen signalisiert die „Charta zur kulturellen Inklusion“, was sie von den Labelpartnern erwarten können. Auf der Webseite von Kultur inklusiv ist die Charta in Leichter Sprache veröffentlicht. Bis Ende 2020 soll sie in deutscher, französischer und italienischer Gebärdensprache übersetzt für hörbehinderte und gehörlose Menschen vorliegen.

cp

Mehr:

https://www.kulturinklusiv.ch/admin/data/files/page_editorial_block_file/file_de/190/charta-zur-kulturellen-inklusion.pdf?lm=1598940158

Kontakt:

https://www.kulturinklusiv.ch/

Kanton Solothurn – Kita-Zugang für alle

(Insieme Magazin / deutsche Ausgabe)

Ein insieme-Anliegen scheint dank einem erfolgreichen Pilotversuch im Kanton Solothurn in Fahrt zu kommen: Kinder mit einer Beeinträchtigung sollen in reguläre Kitas integriert werden können. Die zusätzlichen Kosten sollen vom Kanton übernommen werden. Auch im Kanton Solothurn kommt es immer wieder vor,dass Betreuungsverhältnisse abgebrochen werden oder Eltern ihr Kind mit einer Beeinträchtigung gar nicht erst in die Kita geben dürfen. Der Grund dafür: Die Betreuung von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf verlangt zusätzlich Zeitund damit Geld, was meist ohnehin nur knapp vorhanden ist. Ein von einer Stiftung finanzierter Pilotversuch in der Stadt Solothurn macht nun von sich reden und könnte den Weg für die Inklusion in Kitas im ganzen Kanton ebnen: das Projekt «Kita inklusiv ». Wie bei Kita-Projekten in anderen Kantonen wurden auch bei «Kita inklusiv» heilpädagogische Fachpersonen beigezogen, die das Kita-Personal schulten und begleiteten – für alle Beteiligten mit Erfolg. Ausgehend vom erfolgreichen Pilotprojekt möchten die Projektverantwortlichen das Modell nun auf weitere Solothurner Kitas ausweiten, sodass künftig alle Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf in Kitas integriert werden können.

Giro Suisse am Ziel

(spv.ch)

Nottwil, 6. September 2020 – 13 Tage nach dem Start in Kriens fuhren rund 60 Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer in Nottwil ein. Nach rund 700 Kilometer und über 6500 Höhenmeter wurden sie mit einem kleinen Fest zum 40-jährigen Bestehen der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung empfangen.

 

Der Giro Suisse endete in Nottwil, wo die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung seit 1991 ihren Sitz hat. Auf der Sport Arena wurden die Handbiker und die Begleit-Crew vom neuen Direktor der SPV, Laurent Prince, empfangen. Auf den letzten Kilometern der heutigen Etappe schlossen sich viele Teilnehmende an, die nicht die ganze Tour gemacht haben. Mit von der Partie war auch Topathlet Marcel Hug, der eigentlich zum jetzigen Zeitpunkt an den Paralympischen Spielen in Tokio gewesen wäre.

Gerne hätte die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) ihr Jubiläum mit einem grossen Fest gefeiert. Aufgrund von Covid-19 war dies nicht möglich. Umso wichtiger war die Handbike-Tour quer durch die Schweiz, die in Zusammenarbeit mit 16 Rollstuhlclubs organisiert wurde. In 13 Etappen besuchten die insgesamt 71 Teilnehmenden alle Landesregionen und setzten ein Zeichen für die gelebte Solidarität mit und unter Menschen mit Querschnittlähmung.

Gemeinsam statt einsam

Nicht die sportliche Leistung, sondern das gemeinsame Erlebnis und die Freude an der Bewegung standen im Vordergrund. «Der Breitensport hat für Rollstuhlsport Schweiz eine grosse Bedeutung. Der Giro Suisse hat vielen unserer Mitglieder bewusst gemacht, wie wichtig es ist, sich regelmässig sportlich zu betätigen», so Thomas Hurni, OK-Chef des Giro Suisse nach der Zieleinfahrt. Daneben betonte er, dass der Breitensportanlass den Austausch der Menschen mit einer Querschnittlähmung untereinander und die Zusammenarbeit der Rollstuhlclubs gefördert hat.

Die Tour quer durch die Schweiz bot einige Highlights. Von Kriens aus, wo die SPV ihren ersten Geschäftssitz hatte, ging es in die Nordostschweiz. Die Zieleinfahrt direkt unterhalb der tosenden Wassermassen des Rheinfalls gehörte sicher zu den spektakulärsten. Im Tessin mussten sich die Teilnehmenden den schlechten Wetterverhältnissen beugen, denn aufgrund von Erdrutschen und starken Regenfällen wurde die Etappe abgesagt. Im Wallis besuchte der Tross die Suva-Klinik in Sion, mit der die SPV bei der Beratung von Querschnittgelähmten zusammenarbeitet. Auf den letzten Kilometern in Sion fuhren einige Frischverletzte mit und konnten so erste Erfahrungen auf dem Handbike sammeln.

Empfang durch Sportministerin

Am 2. September 2020 begrüsste Bundesrätin Viola Amherd die Teilnehmenden in Bern und betonte dabei die grosse Bedeutung des Anlasses nicht nur für den Breitensport, sondern für die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung insgesamt. Nach der Weiterfahrt durch den Jura stand der Besuch im REHAB Basel auf dem Programm, einer weiteren Klinik, in der Querschnittgelähmte rehabilitiert werden.

Bewegende Zieleinfahrt

Für die Teilnehmenden ging heute eine grosse Tour zu Ende. Wie schon am Start begrüsste neben Direktor Laurent Prince auch Guido A. Zäch, Gründer der SPV die Teilnehmenden. Auch Heidi Hanselmann, Präsidentin der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, liess es sich nicht nehmen, den Teilnehmenden zu ihrer Leistung zu gratulieren und dem OK zu danken. Direktor Laurent Prince betonte die Signalwirkung des Events: «Der Giro Suisse ist das beste Beispiel für gelebte Inklusion. Unsere Rollstuhlfahrer wurden begleitet von ihren Familien, vom Ehepartner oder einfach von guten Freunden. Die gemeinsamen Erlebnisse werden lange in Erinnerung bleiben. Es ist diese Solidarität, die die gesamte Schweizer Paraplegiker-Gruppe antreibt und die wir in die Gesellschaft hinaustragen wollen.»

Bilder Giro Suisse 2020

Pro Infirmis Kampagne 2020: Menschen mit Behinderungen besetzenein beliebtes Internet-Phänomen

(Keystone SDA / Schweizerische Depeschenagentur)

Ein Internet-Phänomen begeistert Menschen auf der ganzen Welt und bewegt sie zum Mitmachen: Detailgetreu nachgestellte Kinderfotos mit dem Original als Vorlage gehören heute zu den beliebtesten Bildern im Internet. In ihnen verbinden sich Humor, Nostalgie, Zuneigung und eine Prise „Schrägsein“ zu einer inspirierenden Form von Internet-Kunst. Menschen mit Behinderungen jedoch sieht man kaum auf solchen Bildern.

Mit der Kampagne #WieDuUndIch, die ab Montag 7. September 2020 in der ganzen Schweiz zu sehen sein wird,zeigt Pro Infirmis einmal mehr, dass Menschen mit Behinderungen als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft überall vertreten und zu sehen sein müssen. Deshalb: Wenn erwachsene Menschen freiwillig regenbogenfarbene Schwimmflügel anziehen oder sich in den selbstgestrickten Pullover im 70er Chic stürzen, dann gibt es nur einen triftigen Grund: Sie lassen auf witzige Weise ihre Kindheit Revue passieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Menschen eine Behinderung haben oder nicht, hier sind alle Menschen gleich. Für die neue Pro-Infirmis-Kampagne durchforsteten Menschen mit Behinderungen ihr Fotoalbum aus Kindertagen und schickten uns ihre Kinderfotos, die ihnen etwas bedeuten und die sie nachstellen wollten. Sie geben damit selbstbestimmt Einblick in persönliche Momente aus ihrer Kindheit: Das bin ich. Damals wie heute.

Wir stellten acht Sujets in einem professionellen Fotoshooting nach; teils am Ort, wo das Foto einst entstand, teilsim Fotostudio mit aufwändig nachgezimmerten Hintergrundkulissen – und immer mit so detailgetreuen Requisiten wie möglich. Die neue Sensibilisierungskampagne zelebriert das Leben. Dazu gehören schöne und weniger schöne Momente – und die Bandbreite aller Momente dazwischen. Gleichzeitig sind die Fotos Zeitzeugen unserer Gesellschaft und werden von den Protagonist*innen in ihrem jeweiligen Kontext gesehen: „Früher hat man meine Arme noch mit einem T-Shirt versteckt“, erinnert sich Lorenz Vinzens, als er aus seinem ganz persönlichen Damals und Heute Bilanz zieht. Oder: „Bei mehreren Reisenden im Rollstuhl wurden wir auch mal in Frachtwagen gesteckt,“erzählt Jasmin Rechsteiner. Eine Behinderung ist für die betroffenen Menschen eine lebensbegleitende Realität, die ihnen viel abverlangt, von der sie sich aber nicht unterkriegen lassen. Das zeigen die Sujets der neuen Pro Infirmis-Kampagne eindrücklich. Sie fokussieren ganz auf das Menschsein ihrer Protagonisten, auf ihre Entwicklung und Veränderungen, die sie im Verlauf des Lebens durchmachen, wie alle anderen Menschen auch.

Ab dem 7. September 2020 hängen die Plakate in der ganzen Schweiz. In den Sozialen Medien posten weitere Protagonist*innen mit Behinderungen ihre Damals-Heute-Bilder und auf unserer Pro Infirmis Website sind alle Bilder sowie Making-of-Filme und Interviews mit den Protagonist*innen zu finden.

Parallel zur Plakatkampagne lanciert Pro Infirmis eine Solidarisierungskampagne auf Social Media: Mit dem Hashtag #WieDuUndIch können User*innen ihr Facebook- und Instagram-Profilbild zieren und sich so mit Menschen mit Behinderungen solidarisieren. Unser Ziel ist, dass die Inklusion von Menschen mit Behinderungen selbstverständlich und überall, offline und online stattfindet. Die Inklusion geht uns alle etwas an.

Pressekontakt:Für Fragen und die Vermittlung von Interviews mit den beteiligten Protagonist*innen stehen Ihnen Susanne Stahel,susanne.stahel@proinfirmis.ch, Bereichsleiterin Kommunikation und Mittelbeschaffung und Mitglied der Geschäftsleitung, und Laureen Zanotti, laureen.zanotti@proinfirmis.ch, Tel. 058 775 20 00, Redaktorin und Mitarbeiterin Kommunikation, gerne zur Verfügung.