Der Bundesrat verbessert den Zugang zur Psychotherapie

(admin.ch)

In seiner Sitzung vom 19. März 2021 hat der Bundesrat entschieden, dass psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten künftig zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) selbständig tätig sein können. Voraussetzung ist eine ärztliche Anordnung. Dadurch erhalten Menschen mit psychischen Problemen einfacher und schneller Zugang zur Psychotherapie. Der Bundesrat hat heute die entsprechenden Änderungen der Verordnung beschlossen.

Um den Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen zu vereinfachen und eine angemessene Versorgung sicherzustellen, beschliesst der Bundesrat einen Systemwechsel vom heutigen sogenannten Delegationsmodell – bei dem die Therapeuten unter ärztlicher Aufsicht arbeiten – zum Anordnungsmodell. Dabei können psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ihre Leistungen auf Anordnung einer Ärztin oder eines Arztes selbständig im Rahmen der OKP erbringen. Voraussetzung ist eine entsprechende Qualifikation und eine Berufsausübungsbewilligung des Kantons.

Langzeittherapien und Chronifzierungen verhindern

Durch die Umstellung auf das Anordnungsmodell können Versorgungsengpässe bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen in Krisen- und Notfallsituationen reduziert werden. Die Anordnung durch eine Hausärztin oder einen Hausarzt ermöglicht einen einfacheren und früheren Zugang zur Psychotherapie als die bisherige Konsultation bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und die anschliessende ärztliche oder delegierte Psychotherapie. Langzeittherapien und Chronifizierungen können dadurch vermindert werden.

Psychische Störungen zählen zu den häufigsten und am meisten einschränkenden Krankheiten. Erhebungen und Schätzungen belegen, dass im Laufe eines Jahres bei bis zu einem Drittel der Schweizer Bevölkerung eine psychische Krankheit eintritt, die in den meisten Fällen behandelt werden sollte. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen.

Massnahmen gegen ungerechtfertigte Mengenausweitungen

Der Bundesrat beschliesst auch Massnahmen, um ungerechtfertigte Mengenausweitungen zu vermeiden und die Koordination zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu fördern. Zur Anordnung sind nur Ärztinnen und Ärzte der Grundversorgung sowie Fachärztinnen und Fachärzte der Psychiatrie und Psychotherapie berechtigt. Pro ärztliche Anordnung sind maximal 15 Sitzungen möglich. Nach 30 Sitzungen muss mit dem Versicherer Rücksprache genommen werden, um die Therapie zu verlängern. Zur Krisenintervention oder für Kurztherapien bei Patientinnen und Patienten mit schweren Erkrankungen können alle Ärztinnen und Ärzte einmalig maximal 10 Sitzungen anordnen.

Finanzielle Auswirkungen

Der Bundesrat geht aufgrund von Schätzungen davon aus, dass heute privat bezahlte Leistungen im Umfang von rund 100 Millionen Franken pro Jahr künftig über die OKP abgerechnet werden. Langfristig wird die erwartete Mengenzunahme gegenüber heute zu jährlichen Mehrkosten von rund CHF 170 Mio. führen. Um die Auswirkungen der Neuregelung auf die Kosten und die Versorgung zu überwachen und falls nötig eine Anpassung der Regelung vorzunehmen, wird ein Monitoring über die nächsten Jahre sowie eine Evaluation durchgeführt werden. Die Anpassung der Verordnung tritt auf den 1. Juli 2022 in Kraft.


Adresse für Rückfragen

Bundesamt für Gesundheit, Kommunikation, +41 58 462 95 05, media@bag.admin.ch

Links
Änderung KVV und KLV betreffend Neuregelung der psychologischen Psychotherapie

Menschen mit Trisomie 21 können sich prioritär impfen lassen

(insieme.ch)

 

Resultate neuer Studien weisen darauf hin, dass Personen mit Trisomie 21 ein erhöhtes Risiko im Falle einer Covid-Erkrankung haben. insieme hat deshalb beim Bund gefordert, dass Menschen mit Trisomie 21 sich prioritär impfen lassen können. Nun reagiert die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) und setzt Personen mit Trisomie 21 auf die Liste der besonders gefährdeten Personen.

Trisomie 21 steht neu auf der Liste der chronischen Krankheiten mit dem höchsten Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Damit können sich Menschen mit Trisomie 21 nach den Personen über 65 Jahren prioritär für eine Impfung anmelden. Dies gilt nicht für Kinder und Jugendliche mit Trisomie 21 bis 16 Jahre, da die Impfung grundsätzlich nur für Jugendliche und Erwachsenen ab 16 Jahren freigegeben ist.

Informationen rund ums Impfen

Auf der Website von insieme Schweiz sind weiterhin die aktuellsten Informationen rund um das Coronavirus und das Impfen zu finden. insieme wird neue Studien zum Thema Coronavirus bei Menschen mit Behinderung weiterhin verfolgen und sich für die Anliegen von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und ihren Angehörigen beim Bundesamt für Gesundheit BAG einsetzen.

insieme info

Zwei unverzichtbare Massnahmen zur Entlastung der pflegenden Angehörigen

(syna.ch)


Entlastung der pflegenden Angehörigen

 

Morgen Freitag wird sich der Nationalrat über zwei parlamentarische Initiativen beugen, die er bereits vor zehn Jahren angenommen hat. Sie betreffen die betreuenden und pflegenden Angehörigen. Die Behandlungsfrist dieser zwei Initiativen ist bereits dreimal verlängert worden. Die Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung IGAB fordert den Nationalrat auf, dies ein viertes Mal zu tun. Die Vorstösse fordern einerseits eine Betreuungszulage und andererseits einen bezahlten Entlastungsurlaub für pflegende und betreuende Angehörige.

Die zwei Vorstösse wurden von der christdemokratischen Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, der ehemaligen Direktorin von Pro Familia Schweiz, eingereicht und vom Nationalrat angenommen. Der erste fordert die Schaffung einer – wenn auch geringfügigen – Betreuungszulage für alle Personen, die eine oder einen Angehörige/-n betreuen. Es handelt sich um eine symbolische, aber äusserst wichtige Anerkennung für die betroffenen Personen. Einige Kantone wie zum Beispiel der Kanton Freiburg kennen bereits eine solche Zulage. Der zweite Vorstoss fordert eine einwöchige bezahlte Auszeit zur Entlastung der pflegenden Angehörigen. Tatsächlich droht ihre Gesundheit aufgrund des aussergewöhnlichen Einsatzes, den sie leisten, Schaden zu nehmen.

Am 1. Januar dieses Jahres ist das Gesetz zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung teilweise in Kraft getreten. Dieser Gesetzestext greift die beiden Anliegen aus dem Jahr 2011 jedoch nicht auf. Die Frist für die Behandlung dieser Vorstösse muss daher erneut verlängert werden.
«Um ihre Angehörigen nachhaltig betreuen zu können, brauchen die betreuenden Personen Erholung und Anerkennung», ist Benoît Rey, Präsident der IGAB überzeugt. «Die Gewährung einer Auszeit und einer Betreuungszulage für die Betroffenen ist in diesem Zusammenhang das absolute und unverzichtbare Minimum.»

Für Valérie Borioli Sandoz, Geschäftsleiterin der IGAB, ist klar: «Die Bedürfnisse von fast 2 Millionen Menschen in der Schweiz, die regelmässig Kinder oder Erwachsene betreuen und deren unentgeltliche Arbeit auf 3,5 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt wird, zu ignorieren, ist inakzeptabel.» Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit hatte am 14. Januar mit einer knappen Mehrheit von einer Stimme (13 zu 12 Stimmen) beantragt, die beiden Vorstösse abzuschreiben.
Die IGAB fordert den Nationalrat auf, der Minderheit der Kommission zu folgen und die Behandlungsfrist um weitere zwei Jahre bis 2023 zu verlängern.


Weitere Auskünfte
Arno Kerst, Präsident

Das Netzwerk der CIPA-IGAB-CIFC

Der Dachverband «Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung» (IGAB) wurde am 29. Mai 2019 gegründet von unserem Dachverband Travail.Suisse, dem Schweizerischen Roten Kreuz, der Krebsliga, pro infirmis und Pro Senectute, um den betreuenden Angehörigen in der Schweiz eine Stimme zu geben, ihre Anliegen der Politik zu vermitteln und ihre Interessen auf nationaler Ebene zu vertreten.

www.cipa-igab.ch

Direkte Ansprache

(beobachter.ch)

AnsichtAufgezeichnet von Katharina Siegrist:

Wer bin ich? Ich bin Gloria Schmidt.Ich bin aus Österreich.Jetzt wohne ich in der Schweiz.Was mag ich?Ich mag Sprachen. Zum Beispiel:- Deutsch- Englisch- FranzösischIch finde Leichte Sprache spannend.Was arbeite ich?Ich arbeite im Büro für Leichte Sprache von Pro Infirmis.Das Büro für Leichte Sprache schreibt einfache Texte.Zum Beispiel für:- Menschen mit Lern-Problemen- Menschen mit Beeinträchtigungen- Menschen, die andere SprachensprechenTexte in Leichter Sprache können alle besser verstehen.Alles klar? Hoffentlich! Denn das war in Leichter Sprache verfasst. Der Text sollte darum für möglichst jede und jeden verständlich gewesen sein.

Seit fünf Jahren sind wir vom Büro für Leichte Sprache für verschiedene Auftraggeber tätig. Das ist dringend nötig.In der Schweiz haben 36 Prozent der Erwachsenen Schwierigkeiten, einen komplexeren Text zu verstehen. Und 16 Prozent verstehen ihn gar nicht. Das können Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung sein – etwa mit einer Lernschwäche, einer Hirnverletzung oder mit Demenz. Auch Personen mit Migrationshintergrund und einer anderen Muttersprache als Deutsch.

Direkte Ansprache

Für Leichte Sprache gibt es einige Tricks. Als Regel gilt etwa: nur eine Information pro Zeile. Längere Wörter kannman mit Bindestrichen unterteilen. Wichtiges lässt sich fett oder unterstrichen besonders betonen. Von einer Passivformulierung und Synonymen lässt man besser die Finger. Sie führen nur zu unnötiger Verwirrung. Eine direkte Anrede mit «Sie» oder «Du» ist zudem besser als ein allgemeines «mann»

Es gibt keinen Sachverhalt, der sich nicht mit Leichter Sprache ausdrücken liesse – zumindest inhaltlich. Schwierigkeiten gibt es etwa beim Gendern, wenn man männliche und weibliche Form möglichst gleichermassen verwenden will. Hier wird häufig ein Stern (*) verwendet. Sonderzeichen sollte man bei Leichter Sprache aber möglichst vermeiden.

Es ist ungerecht

Für mich sind Empathie und Gerechtigkeit zwei grundlegende Werte, die sehr eng mit Leichter Sprache zusammenhängen. Ohne verständliche Texte können Betroffene nicht mitbestimmen, keine oder wenige Entscheidungen selbst treffen und damit auch kein selbstbestimmtes Leben führen. Wenn ich eine Zeitung in Standardsprache lese oder komplizierte Verträge unterschreibe, denke ich oft, wie ungerecht es ist, dass es nicht die Möglichkeit gibt, zu fragen: «Haben Sie das auch in einfacher Sprache?»

Nachholbedarf sehe ich vor allem im Gesundheitssektor. Wer versteht schon Ärztinnen und Ärzte, die mitFachausdrücken um sich werfen Patientenaufklärung Was soll das heissen, Herr Doktor? Dabei gehtes um sehr wichtige Informationen. Auch der Bund hat die Corona-Schutzmassnahmen in Leichte Sprache übersetzt. Denn nur wer sie versteht, kann sich und andere schützen.

Wenn es weitere Einschränkungen gibt und eine Impfung ansteht, muss man das allen verständlich näherbringen.Niemand soll mit Verunsicherung und Ängsten alleingelassen werden. Auch Unternehmen nutzen unser Angebot.Zum Beispiel wenn sie ein neues Zeiterfassungssystem einführen, beugt man damit Fehlern vor und verhindert Missverständnisse.

Auch privat lese ich gern verständliche, gut aufgebaute Texte. Das können Nachrichten und Geschichten sein –solange sie klar formuliert sind und zum Weiterlesen einladen. Auch bei Leichter Sprache gibt es immer Neues zu entdecken. Das macht die Arbeit so spannend. Jeder Text, jedes Sprachziel und jedes Zielpublikum ist anders. Man lernt nie aus.

Mehr als nur Beschäftigung

(Der Bund)

Arbeitsmarkt Immer mehr Restaurants und Läden in Bern stellen Menschen mit Beeinträchtigungen an.Dabei steht nicht der soziale Gedanke, sondern das Business im Zentrum. Wie funktioniert das Geschäftsmodell?


Im Restaurant Fabrique28 in Bern arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Foto: rot

 

Simon Preisig

Es sind nur die Details, die einem zeigen, dass das kürzlich eröffnete Restaurant Fabrique28 ander Berner Monbijoustrasse halt doch nicht ein ganz normales Lokal ist. Zum Beispiel die Tatsache, dass eine Servicekraft nur für zwei Tische zuständig ist.Ähnlich geht es einem beim Einkaufen im neuen Lola-Laden im Mattenhofquartier. Er wirkt wie ein gewöhnlicher Quartierladen,wären da nicht die höhere Anzahl an Angestellten.

Die Erklärung dafür heisst Inklusion, so nennt sich das Prinzip, wenn in einem Betrieb Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenarbeiten.Der Gedanke der Inklusion ist nicht neu, gerade in der Kulturszene gibt es bereits seit längerer Zeit solche Projekte. Neu ist aber, dass zunehmend auch Gastrolokale und Läden an bester Lage Personen einstellen, die nicht so viel leisten können wie andere.

Neues Lokal in der Lorraine

Der wichtigste Treiber hinter dieser Entwicklung in der Stadt Bern ist Blindspot. Seit vier Jahren betreibt die Organisation das Restaurant Provisorium46 in der Berner Länggasse, letztes Jahr eröffnete Blindspot das besagte Fabrique28 an der Monbijoustrasse, und bald sollen auch im ehemaligen Spunten Felder in der Berner Lorraine unterschiedlichste Menschen arbeiten. Das Haus wird im Moment saniert,im Herbst soll es losgehen – trotz Corona.

Zurzeit arbeiten 30 Personen für Blindspot. Einige sind klassisch ausgebildete Servicefachkräfte, andere sind wegen Beeinträchtigungen wie Trisomie 21,des Asperger-Syndroms oder einer psychischen Erkrankung weniger leistungsfähig. Dennoch erhält Blindspot keine direkten Subventionen. Wie schafft es die Organisation trotzdem, im hart umkämpften Gastrobereich erfolgreich zu expandieren?

Service muss erstklassig sein

Momentan sind die Blindspot-Restaurants wie alle andern geschlossen. Die Angestellten kochen füreinander, um in der Übung zu bleiben. Doch wenn es wieder losgeht, wird die Nachfrage nach guten Restaurants bald wieder gross sein, davon ist Blindspot-Geschäftsleiter Jonas Staub überzeugt. Unddas «gut» ist ihm wichtig, denn beim Service macht er keine Abstriche. «Wer meint, man könne den sozialen Aspekt in den Vordergrund stellen, der macht einen grossen Fehler», sagt Staub. Der Service müsse erstklassig sein, warmes Bier und kalter Kaffee würden von den Gästen nicht goutiert – egal, ob sie von Menschen mit oder ohne Beeinträchtigung bedient würden. Seine Angestellten seien darum auch Profis auf ihrem Gebiet, also etwa Köche und Servicefachkräfte und keine Sozialpädagogen.

Im Vergleich zu herkömmlichen Betrieben wird die anfallende Arbeit bei Blindspot schlicht zwischen mehr Personen aufgeteilt. «Der Lohn der Mitarbeitenden hängt davon ab,wie viel sie leisten können», sagt Staub. Die Differenz zwischen dem Leistungslohn von Blindspot und dem Geld, das man zum Leben braucht, bezahlt die IV mit einer Rente oder über Ergänzungsleistungen.

«Wer meint, mankönne den sozialen Aspekt in den Vordergrund stellen, der macht einen grossen Fehler.»
Jonas Staub
Geschäftsleiter von Blindspot

Für Staub sind solche Lohnzuschüsse aber keine Subventionsgelder: «Unser Fürsorgesystem gleicht den Nachteil aus, die diese Person wegen ihrer Krankheit oder Behinderung hat», sagt er. Blindspot sei sich des Sozialstaats bewusst, man biete einfach Stellen an, die für möglichst alle Menschen zugänglich seien – laut Staub der Kerngedanke der Inklusion.

Hohe Motivation gefragt

Der Bewerbungsprozess bei Blindspot läuft zweistufig ab: In einem ersten Schritt muss der Bewerber seine Motivation in den Vordergrund rücken. Erst dann wird laut Staub geschaut,wie viel die Person leisten kann.Doch gerade Menschen mit tiefem Leistungslohn und viel Motivation seien für Blindspot einabsoluter Trumpf: Denn niemand habe ein so grosses Potenzial, besser zu werden, wie Menschen mit hoher Motivation.

Menschen orientieren sich laut Staub meist an den Stärkeren,in solch durchmischten Gruppen wie in den BlindspotBetrieben würden Menschen mit Beeinträchtigungen darum sehr viel lernen. Dennoch müsse allen Angestellten klar sein, dass man mit Bars und Restaurants ein «knallhartes Business» betreibe. Aber genau das sei auch eben auch Inklusion, sagt Staub.

Inklusion auch im Bioladen

Mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie dem von Blindspot funktionieren auch die Lola-Läden und der Take-away von Contact. Letztes Jahr eröffnete dieStiftung eine zweite Filiale im Berner Mattenhofquartier. Eininnovatives Sortiment mit vielen veganen Produkten und ein hippes Ladeninterieur lassen Kundinnen und Kunden den sozialen Gedanken hinter dem Geschäft nur sehr bedingt spüren.Dabei arbeiten in den Betrieben von Contact junge Erwachsene mit Sucht-oder anderen Probleme. Sie sollen dank der Arbeitseinsätze oder der dort absolvierten Lehre den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt schaffen. Die Läden und der Take-away kommen abgesehen von dem Lohnersatz für die weniger leistungsfähigen Mitarbeitenden ebenfalls ohne Subventionen aus.

Nicht alle Betriebe von Contact arbeiten mit dem Ansatz der Inklusion. Anders als Blindspot führt Contact etwa auch einen Recyclingbetrieb, der Stellen für Schwerstabhängige anbietet und der auf direkte Zahlungen des Kantons angewiesen ist. Hier steht das Angebot einer Tages-struktur im Mittelpunkt und nicht die völlige Inklusion. Rahel Gall, Geschäftsführerin bei Contact, erklärt dies damit, dass man junge, suchtgefährdete Menschen nicht mit jahrelang Drogenabhängigen zusammenbringen sollte. «Dies könnte die Jungen negativ beeinflussen», sagt sie.

Weniger Jobs als Bewerber

Unabhängig davon: Die in den letzten Jahren geschaffenen inklusiven Jobs in Bern vermögen die grosse Nachfrage nicht zu decken. «Wir können lange nicht allen Bewerbenden eine Stelle anbieten», sagt Staub von Blindspot. Aber dass Menschen miteiner Behinderung lieberin einem zentral gelegenen und populären Restaurant am Puls der Gesellschaft anstatt in einem Beschäftigungsprogramm arbeiten würden, sei doch logisch.

Zwar plant Staub mit Blindspot eine Expansion in andere Schweizer Städte und womöglich auch ins Ausland, wie er sagt.Doch noch mehr Schub für seine Vision von Inklusion erhofft er sich durch das neue Gesetz über die Leistungen für Menschen mit Behinderungen, das der Kanton Bern per Ende 2022 in Kraft setzen will. Darin steht der Wechsel von der Objektfinanzierung (Subvention eines Behindertenheims)zur Subjektfinanzierung (direkte Hilfe der Betroffenen) im Fokus. Künftig sollen also behinderte Menschen noch stärker selber entscheiden, wie ihre Unterstützungsgelder ausgegeben werden,zum Beispiel, indem sie im Restaurant von Blindspot arbeiten und sich die Differenz zwischendem zu tiefen Blindspot-Lohn und dem nötigen Lebensunterhalt ausgleichen lassen.

Ganz so weit wie ursprünglich erhofft, gehe das neue kantonale Gesetz nicht, erklärt Walter Zuber, Geschäftsführer der Berner Sektion von Pro Infirmis. Dennoch sei die Neuerung eine Verbesserung zur heutigen Situation.

Nicht allen wird geholfen

Auf eine Stärkung der Rechte der Behinderten hofft auch Rafael Egloff vom Kollektiv der Heiteren Fahne in Wabern. Das Könizer Kulturzentrum hat sich seit seiner Gründung 2013 der Inklusion verschrieben. In der Heiteren Fahne arbeiten rund 35 Menschen ohne und mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen,Tendenz nach wie vor langsam steigend.

Egloff freut sich auch über inklusive Stellen, die andere Betriebe wie Blindspot und Contact für Menschen mit Beeinträchtigung schaffen. Doch er weist auch darauf hin, dass es je nach Art der Beeinträchtigung viel schwieriger sei, Unterstützungsgelder zu erhalten, also den Menschen zu ermöglichen, wirklich von ihren Jobs leben zu können. So seien gerade geflüchtete Menschen mit psychischen Herausforderungen durch die IV und andere staatliche Stellen kaum unterstützt. «Da kann es auch gut einmal vorkommen, dass eine Person trotzdem bei uns arbeiten kann und wir die entsprechende Stelle halt quersubventionieren.» Ganz grundsätzlich träumt Egloff von einer Gesellschaft, in der jeder und jede so viel leistet, wie er oder sie kann. «Dass sich die Höhe des Lohns an Leistung orientiert, ist aus inklusiver Perspektive sowieso überholt.»

Was heisst Inklusion im Beruf?

Alle Menschen sollen unabhängig von einer Behinderung oder andern Beeinträchtigungen möglichst freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Dies verlangt die Behindertenrechtskonvention der UNO, zu der sich die Schweiz verpflichtet hat. Das bedeutet, dass Barrieren abgebaut werden müssen, die verhindern, dass Menschen mit Behinderung möglichst viele Jobs verrichten können. Dies betrifft einerseits Menschen ohne IV-Rente, wie eine querschnittgelähmte Person, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Darum müssen etwa neue Bürogebäude zwingend mit einem Lift ausgestattet werden.Andererseits sollen auch Menschen profitieren, deren Lohn grösstenteils von der IV bezahlt wird. Auch sie sollen ihre Arbeit,wie in den porträtierten Betrieben indiesem Artikel, möglichst selber auswählen können. (spr)

Schattenseite

(Schaffhauser AZ)


Symbolbild:Annatamila/AdobeStock

 

Nora Leutert

Wie ist sie? Können Sie sie beschreiben? Das fragt man Frau B. Es sei eine Seite von ihr,ihre Schattenseite, sagt Frau B. Sie habe viele Gesichter.

Manche vergleichen sie mit einer schwarzen Wolke, die den Kopf umnebelt. Churchill nannte die Depression seinen schwarzen Hund. Eine Traurigkeit, ein Schatten, der sich hervorkehrt und über alles legt, ein schwarzer Hund, der sich einem auf der Brust breit macht: Das Sprechen über Depression ist immer noch tabuisiert in der Schweiz, aber die Bilder verbreiten längst keinen Schrecken mehr. Gerade seit die Corona-Krise begann, ist das Thema näher denn je. Der schwarze Hund ist ein Haustier geworden.

Auch Frau B. spricht über ihre Depression so vertraut und abgeklärt, als ginge es um ihr Haustier. Um etwas, das wichtig ist, wenn auch nicht das Einzige im Leben.

Die AZ ist über die Schaffhauser Selbsthilfegruppe „Depression“ mit B. in Kontakt gekommen. Die Frau Anfang 60 war gerne bereit,einen Einblick in ihren Alltag zu geben.

Es ist ein sonniger Freitagmorgen. Frau B.sitzt am Küchentisch in ihrer kleinen, geräumigen Wohnung auf dem Land, unweit der Stadt Schaffhausen. Die Vorhänge sind zugezogen,die Waschmaschine brummt vor sich hin. B.erzählt, dass sie am Vorabend eine Freundin zu Besuch gehabt habe, sie erwähnt ihre erwachsenen Kinder, die Enkel, ihre Bekannten. Und eben: dann ist da noch die Depression.

Wie ein Gefängnis

Man kann gut nachvollziehen, was Frau B.über ihre Erkrankung erzählt. Denkt, man könne mitreden. Manches glaubt man sich aus eigener Erfahrung vorstellen zu können jetzt im Lockdown, anderes hat man von Bekannten gehört, die unter der Isolation leiden.

Frau B. sagt: «Den ersten Lockdown konnte ich für mich nutzen. Zuerst fühlte ich mich durch die Kurzarbeit isoliert, habe dann aber gemerkt, dass es geschenkte Zeit war. Ich habe viel meditiert, am Morgen bin ich früh raus zum Spazieren. Ich hatte trotz allem meine Struktur. Jetzt, im zweiten Lockdown, ist es anders. Ich fühle mich nicht mehr wohl zu Hause. Meine Burg ist nicht mehr meine Burg.Die Wohnung fühlt sich eng und ekelhaft an.Eher wie ein Gefängnis.»

Voilà der Lockdown, denkt man, so ist er.Die Einsamkeit schleicht sich ins einst traute Heim oder, wenn man nicht alleine ist, in dasGezänke, den Streit mit dem Partner. Antriebslosigkeit greift um sich, das Rumhängen, das nur noch müder macht und dennoch bewirkt,dass man in der Nacht nicht schlafen kann. Laut der jüngsten Umfrage der Universität Basel im Rahmen der Swiss Corona Stress Study stieg die Häufigkeit schwerer depressiver Symptome während der zweiten Welle im November verglichen mit der Zeit des ersten Lockdowns inder Schweiz stark an: Während im April noch 9 Prozent aller Befragten angaben, unter depressiven Symptomen zu leiden, waren es im November mit 18 Prozent doppelt so viele.

Viele Menschen haben solche Zwischentöne kennengelernt. Und doch ist es für jeden anders.

Weitermachen, funktionieren

Für Frau B. ist es mehr als eine schiefe Tonlage, das zeigt sich, je länger sie spricht. Plötzlich hält sie kurz inne am Küchentisch und horcht gegen das Fenster. Die Sonne schimmert unter den Vorhängen durch, lässt den Frühlingstag zaghaft erahnen, und Frau B. sagt, sie sei eine gute Schauspielerin. «Hören Sie, wie hübsch die Vögel zwitschern?», fragt sie – und fügt an:«Sehen Sie, ich kann mit Begeisterung über Dinge sprechen. Aber in mir drin ist es leer.Ich fühle keine Freude, nichts.»

Andere Menschen können sich vielleicht aus ihren Tiefs herausziehen. Sich auf den Frühling freuen. Auf das, was nach dem Lockdown kommt. Frau B. nicht. Für sie war der Lockdown gewissermassen schon immer da,und er hört nicht auf. «Meine Depression ist ein Teil von mir», sagt sie. Sie begleitet sie, seit sie vor acht Jahren in ihrem Job als Verkäuferin ein Burnout hatte. Und wahrscheinlich schon viel länger, vermutet B., schon immer.«Als Kind schrieb ich Tagebuch, und wenn ich das heute anschaue, muss ich sagen, schon da wollte ich nicht mehr leben.»

Eine Mutter, die sie nie in den Arm nahm.Eine Familie, in der sie sich wie ein fremd angenommenes Kind fühlte. Im Erwachsenenalter Jobs im Fachhandel, deren Belastung sie nur schwer standhielt: Oft hatte B. Rückenschmerzen und Gliedertaubheit, manchmal so stark, dass sie ihre Arme nicht mehr bewegen konnte.Immer war sie müde und angeschlagen, immer hatte sie Sorgen mit dem Geld. Und trotzdem sagte sie sich: Weitermachen, funktionieren,auch wenn es keinen Sinn macht.

B. war als Alleinerziehende für ihre Kinder verantwortlich. Vielleicht habe sie genau so lange durchgehalten, bis der Jüngste alt genug war, um selbst auf sich zu schauen, sagt Frau B. heute. «Ich weiss nicht, wie ich das alles geschafft habe.» 2013 kam sie mit Burnout in die Klinik. Ihre gesundheitliche Diagnose: Depression sowie später festgestellt eine komplexe traumatische Belastungsstörung.

«Ich kann mit Begeisterung über Dinge sprechen. Aber in mir drin ist es leer.»

Seit Jahren fällt es Frau B. schwer, sich wieder ins Arbeitsleben einzugliedern. Alles ist zu viel, an gewissen Tagen schon das Aufstehen,das Duschen. Wenn es ihr einmal hundsmiserabel geht, liegen Suizidgedanken nahe. Die Sehnsucht, dass es ruhig ist, dass einen nichts mehr belastet. Es seien aber lediglich Gedanken, sagt B., und wenn sie diese habe, verheimliche sie sie nicht vor ihrer Psychiaterin.

Im vergangenen Dezember hat Frau B. ihren Job in einem Fachmarkt nach kurzer Zeit wieder aufgeben müssen. Jeden Tag kämpft sie damit, sich aufzuraffen, um Bewerbungen zu schreiben. Sonst hat sie kaum Aufgaben, die Energie verpufft in der kleinsten Bewegung.Der Lockdown macht es noch schlimmeer.

Wütend über die Massnahmen

Der Lockdown fördere depressive Symptome,sagt Bernd Krämer, Leiter der psychiatrischen Dienste der Spitäler Schaffhausen. Die meisten Menschen würden dem in der Regel mit genügend Ressourcen gegenüberstehen, eine hospitalisationsbedürftige mittelschwere bis schwere depressive Störung entwickle sich kaum einfach so aus dem Lockdown. Für verletzliche Menschen aber könnten die aktuellen Restriktionen der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringe und der eine Depression reaktiviere, sagt Bernd Krämer.Auch seien im Moment die psychiatrischen Therapiemöglichkeiten durch die Corona-Schutzmassnahmen eingeschränkt: Es ist zurzeit schwierig,bei Patienten Aktivitäten zu fördern, die sie normalerweise gerne tun und die ihnen Freude machen. Auch Belastungserprobungen, beidenen die Patienten versuchsweise in ihren normalen Alltag zurückkehren, sind durch den Lockdown gerade kaum durchführbar.

Für Frau B. fällt im Moment die Selbsthilfe-Gruppe weg: Einige Mitglieder sind in der Klinik, andere sind momentan ausgestiegen.Aber auch scheinbar kleine Einschränkungen rauben B. die Tagesstruktur, die für sie wichtig ist. Dass sie sich nirgends hinsetzen kann,wenn sie nach einer Therapiestunde in der Stadt noch eine Freundin treffen will. Dass sie von täglichen Gewohnheiten wie dem Besuch im Lädeli einer Bekannten absehen muss. Das alles kann B. nicht einfach wegstecken. Was andere als vorübergehend akzeptieren oder von sich persönlich abstrahieren, zehrt an ihren Kräften. «Mein Stresslevel ist enorm hoch»,sagt sie. «Ich lese auch fast keine News zum Thema Corona mehr.» Es macht sie wütend,dass über die Bevölkerung bestimmt wird,vor allem wenn die Regierung bei den Massnahmen dann noch einen Zickzackkurs fährt.Eine Maske im Gesicht zu haben, ist für sie unerträglich körperlich, aber auch nur schon vom Gedanken her. «Das sind fremde Bilder für uns», sagt sie und schüttelt den Kopf.

Für sie zieht die Krise nicht vorüber. Es fehlt ihr die Aussicht auf das, was danach kommt. Bleibt die Hoffnung, dass sich die Schattenseite, der schwarze Hund, wieder in eine Ecke der Wohnung verzieht, wenn draussen Normalität einkehrt.

Selbsthilfegruppe Depression

Beieiner Depression können Fachleute weiterhelfen. Aber auch der Austausch unter Betroffenen tut gut. In der Selbsthilfegruppe Schaffhausen sind neue Mitglieder sehr willkommen. Die Gruppe trifft sich, wenn drei bis vier Leute mitmachen, alle zwei Wochen am Dienstagabend um 18 Uhr im Sitzungsraum der Beratungsstellen Pro Infirmis, Krebsliga und Lungenliga an der Mühlentalstrasse 84 in Schaffhausen. Für mehr Informationen melden Sie sich beim SelbsthilfeZentrum Region Winterthur, welche die Schaffhauser Gruppe organisiert, unter: 052 21380 60 oder unter info@selbsthilfe-schaffhausen.ch

IV bezahlt neu Assistenzhunde für kranke Kinder

(parlament.ch)

Die Invalidenversicherung (IV) zahlt in Zukunft auch für Kinder und Jugendliche Beiträge für Assistenzhunde. Nach dem Ständerat hat am Mittwoch auch der Nationalrat eine Motion des Luzerner FDP-Ständerats Damian Müller oppositionslos angenommen.

Für Assistenzhunde zahlt die IV einen Pauschalbetrag von 15’500 Franken. Allerdings haben heute nur Erwachsene ein Anrecht auf die Hilfe der Tiere. Das Parlament fordert nun, dass auch für Kinder Beiträge möglich sind.

Der Einsatz von Assistenzhunden erlaubt betroffenen jungen Menschen eine Entwicklung durchzumachen, die letztlich zu einem selbstbestimmten Leben führen kann.

Der Bundesrat muss nun die rechtlichen Grundlagen dafür schaffen.

Mehr Informationen auf der Website des Parlaments

„Auch diese Menschen haben eine Meinung“

(WirEltern)

Genf hat als erster Kanton in der Schweiz Menschen mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung das kantonale Stimm- und Wahlrecht erteilt. Felicitas Huggenberger, Direktorin von Pro Infirmis, erklärt, warum dieser Schritt wichtig ist für die Betroffenen, ihre Familien. Und für die Gesellschaft.

Interview Anita Zulauf

wir eitern: Felicitas Huggenberger,was bedeutet der Entscheid der Genfer Bevölkerung für betroffene Menschen?
Felicitas Huggenberger: Die 75 Prozent Ja-Stimmen sind ein Meilenstein und eine klare Botschaft an uns alle. Auch Menschen mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung haben eine eigene Meinung und sollen politisch aktiv sein können, wenn sie das wollen.

Ein wichtiger Schritt, längst überfällig?
Ja. Nicht an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen zu können, ist diskriminierend. Denkt man an Menschen mit Beeinträchtigungen, denkt man schnell an Grenzen, an Unvermögen. Die Genfer Bevölkerung traut ihnen jedoch zu, ihre Meinung ausdrücken zu können. Ein wichtiger Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft.

Mit dem passiven Wahl-und Stimmrecht dürfen Betroffene in Genf nun auch für ein öffentliches Amt kandidieren.
Das ist in Bezug auf die Partizipation ein sehr wichtiges Signal. Wir unterstützen zusammen mit verschiedenen Organisationen Menschen, die ein politisches Amt übernehmen möchten in Form von Schulungen und finanzieller Unterstützung für den Wahlkampf. Mehr Diversität und auch mehr Menschen mit Behinderungen in politischen Ämtern wäre wünschenswert.

Wie realistisch wäre eine solche Kandidatur?
Da bisher diese Bürger*innen vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen waren, stellten sich die Fragen nicht, welche Voraussetzungen für Kandidaturen notwendig sind. Es wird also Aufgabe der Gesellschaft und der Politik sein, die bisherigen Hürden zu beseitigen und die notwendigen Entwicklungen einzuleiten, um die Kandidaturen zu ermöglichen. Kandidierende und Gewählte in ihren Funktionen müssten etwa auf Assistenzleistungen zählen können.


«Nicht am politischen Leben teilhaben zu können, ist diskriminierend»

 

Zum Beispiel?
Je nach Behinderungsart braucht es spezielle Unterstützung. Für Blinde oder Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen müssten die Unterlagen entsprechend aufbereitet sein.Eine Person im Rollstuhl dagegen müsste barrierefrei ans Rednerpult gelangen können, sie bräuchte andere Assistenzleistungen.

In allen anderen Kantonen sind Menschen mit «geistiger oder psychischer Beeinträchtigung und umfassender Beistandschaft» von diesem politischen Recht ausgeschlossen.
Was heisst das genau?

Das heisst, dass der betroffenen Person die Handlungs- und Urteilsfähigkeit in ihren Rechtsgeschäften fehlt und sie in eigenem Interesse auf Unterstützung eines Beistandes angewiesen ist. Das könnte zum Beispiel einen Menschen mit Trisomie 21 betreffen.Die Schlussfolgerung, deshalb auch politisch nicht partizipieren zu können, ist diskriminierend, da hier nicht dieselben Voraussetzungen eine Rolle spielen.

Was bedeutet die «psychische Beeinträchtigung»?
Das sind Personen, die über lange Zeit erhebliche, psychische Probleme haben und aufgrund dessen in ihrer Urteils- und Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind. Werden hier umfassende Beistandschaften errichtet, wird ihnen das Wahl- und Stimmrecht aberkannt. Sie bekommen keine Unterlagen mehr.

Früher waren es Frauen, sozial Schwache,Zwangsversorgte und Trinker, die vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen wurden. 2021 gibt es in der Schweiz aktuell noch rund 14500 Menschen, denen man keine eigene Meinung zutraut. Man verweigert oder entzieht ihnen das demokratischste Recht überhaupt. Ein Affront?
Ganz klar. Man schliesst sie aus einem wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens aus, was die Integration erheblich erschwert.Die Kopplung der Beistandschaft und der politischen Rechte müssen getrennt werden.

Nun hat Genf einen ersten Schritt gemacht.Aber: Werden die Betroffenen überhaupt verstehen können, worum es bei Wahlen und Abstimmungen geht?
Die Abstimmungsvorlagen sind oft schwerver ständlich. Es braucht Unterlagen in einfacher Sprache. Das ist auch eine der Forderungen der Behindertenorganisationen anden Bund. Und was für Betroffene natürlich auch wichtig ist, sind der Austausch und die Diskussionen mit Menschen ihres Vertrauens, die ihnen beim Ausfüllen der Unterlagen helfen können.

Wer soll diese Hilfe gewähren?
Das ist individuell, die Betroffenen müssen das selbst entscheiden dürfen. Das kann auch in jedem Fall wieder jemand anders sein.

Gegner der Initiative befürchten Beeinflussung und Wahlbetrug.
Natürlich können Diskussionen die Meinungsbildung beeinflussen. Aber das geht uns ja allen so, nicht wahr? Auch gesunde Menschen haben oft nicht detaillierte Kenntnisse über den Inhalt einer Initiative oder können nicht in jedem Fall eine rationale Meinung bilden. Sie gehen trotzdem an die Urne.

Das ist das normale Risiko einer demokratischen Gesellschaft.
Genau.

Wie ist die gesellschaftliche Stellung vonMenschen mit Beeinträchtigungen in derSchweiz?
Auch heute noch erleben sie im Alltag Benachteiligungen und Diskriminierungen.Allerdings darf auch gesagt werden, dass die Sensibilisierung für die Anliegen von Menschen mit Behinderungen zugenommen hat. Der Genfer Entscheid ist bestes Beispiel dafür.

Welche Bedeutung haben solche Entwicklungen für Familien mit beeinträchtigten Kindern?
Die politischen Rechte für alle sind Teil des Mindsets, Teil des Umdenkens und der Haltung der Gesellschaft. Ich bin überzeugt,dass Offenheit einen wichtigen Einfluss hatauf Familien. Ihre Kinder werden als Teilder sozialen Gemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten wahrgenommen. Genfer Kinder können nun am Tisch über Politik mitdiskutieren und wissen, dass sie dereinst werden mitbestimmen können. Ein gutes Gefühl für die ganze Familie, Eltern und Kinder werden klar gestärkt.

Wie reagiert die Gesellschaft heute auf Eltern, die auf pränatale Tests verzichtenoder ein Kind trotz Behinderung bekommen wollen?
Der Druck ist gewachsen. Die Frage «Habt ihr das nicht vorher gewusst?» hören manche Eltern immer noch, wenn sie ein Baby mit Beeinträchtigung bekommen haben. Es gibt aber auch Eltern mit guten Erfahrungen, die ein offenes Umfeld und keine Diskriminierung erleben. Mit welchen Schwierigkeiten sie jeweils zu kämpfen haben, ist von Familie zu Familie sehr individull.

Welche Ängste haben Eltern, die ein Kind mit einer entsprechenden Diagnose erwarten?
Auch hier ist das sehr individuell, darauf müssten die betroffenen Eltern antworten. Ängste können vielschichtig sein und viele Fragen auslösen, gesundheitliche, gesellschaftliche, versicherungsrechtliche, organisatorische. Andere Eltern wieder können es eher pragmatisch nehmen, warten mal ab, bis das Kind da ist, und schauen dann, was auf sie zukommt.


Felidtas Huggenberger (1970)ist Anwältin. Seit 2017 ist sie Direktorin von Pro Infirmis. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen im Kanton Zürich.

 

Wie sieht die Situation in Schweizer Kitas, Kindergärten und Schulen aus? Gibt es Angebote für diese Kinder?
Integrative und inklusive Kindergärten und Schulen sind Sache der Kantone und Gemeinden. Darum sind die Unterschiede in der Schweiz unfassbar gross. In einzelnen Kantonen ist die inklusive Schule Realität und es wird viel dafür gemacht, in anderen sind wir weit davon entfernt. Wichtig ist,dass genügend finanzielle Mittel eingesetzt werden. Es geht nicht, dass ein politischer Entscheid gefällt wird, ohne dass Lehrpersonen und Schulen genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

«Die politischen Rechte für alle sind Teil des Umdenkensund der Haltung der Gesellschaft.»

Gibt es das Recht auf schulische Integration?
Das gibt es. Die Schweiz hat 2014 die UNO-Behindertenrechtskonventionen ratifiziert. Diese verlangt in Art. 29 das Recht auf Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben und in Art. 24 das Recht aufBildung. Menschen mit Beeinträchtigun-gen dürfen nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden.

Kritiker monieren, dass gesunde Kinder im integrativen Schulsystem beim Lernen behindert würden.
Im Gegenteil. Es braucht ein differenziertes Bildungssystem, das allen Kindern die Möglichkeit gibt, ihre Stärken zu fördern.Ich bin überzeugt, dass alle profitieren könnten. Die selbstverständliche Teilhabe am Alltag von klein auf ist enorm wichtig.Je kleiner die Kinder sind, umso eher lernen sie einen unverkrampften Umgang miteinander. Die inklusive Gesellschaft wird für sie zum normalen Alltagsbild gehören. Platziert man betroffene Kinder in Sonderschulen, bleiben sie Sonderfälle.

Was aber, wenn die Kinder mit Beeinträchtigungen in der Schule irgendwann nicht mehr mithalten können?
Auf Oberstufen-Niveau kann es schwierig werden. Die Grundschulung aber ist machbar. Doch dazu braucht es entsprechende Ressourcen, Lehrpersonen können nicht zwölf Kindern auf unterschiedlichsten Niveaus gerecht werden. Und da sind wir wieder beim Geld. Es braucht den politischen Willen, aber es braucht auch den Willen der Schulen, der Pädagogen, der Eltern von anderen Schülern. Auch hier hat es viel mit der Haltung der Gesellschaft zu tun. Finden wir es erstrebenswert, wenn die Kinder von der Mitschülerin profitieren, die zwar nicht im Millionenraum rechnen kann, aber die ein grosses Herz hat und sehr sozial und kreativ ist? Oder zählt allein die Leistung? Auch gesunde Kinder können nicht alle studieren. Jedes Kind sollte einen Platz im System bekommen können mit den Fähigkeiten, die es hat.

Könnte der Genfer Entscheid eine Signalwirkung haben auf andere Kantone?
Da bin ich sicher. In den Westschweizer Kantonen ist man progressiver. Im Wallis,in Neuenburg, der Waadt, aber auch im Tessin laufen bereits ähnliche Vorstösse.In der Deutschschweiz gibt es auch entsprechende Signale.

Wie sieht die inklusive, politische Teilhabe in anderen Ländern Europas aus?
Schlecht. Nur gerade in acht Ländern können Betroffene ihre politischen Rechte ausüben.

Wo ist die inklusive Gesellschaft bereitsRealität?
Bei diesem Thema sind wir in Skandinavien, wo die gesellschaftliche Haltung in sozialen Bereichen bekannterweise fortschrittlicher ist. Wohnheime für Behinderte wurden etwa abgeschafft, weil man die Ghettoisierung nicht mehr wollte. Die Menschen leben in Wohngemeinschaften oder Kleingruppen in Wohnblocks, mitten unter Arbeitern, Familien und Studierenden. Mitten in der Gesellschaft und mitten im Leben. An solchen Modellen sollten auch wir arbeiten.

KITAplus-ein Erfolgsmodell erobert die Schweiz

(Forum / Mitgliedermagazin des BVF)

Theresia Marbach , Peter Hruza

Die Inklusion von Kindern mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung in Kitas ist für alle ein Gewinn. Studien belegen, dass die Kinder mit einer Behinderung sowie die Kinder ohne Behinderung gleichermassen profitieren. Zudem werden die Eltern entlastet – und auch volkswirtschaftlich macht es Sinn.

 

Was ist KITAplus?

KITAplus ist ein Programm, welches Rahmenbedingungen schafft, damit auch Kinder mitbesonderen Bedürfnissen die regulären Kindertagesstätten besuchen können. Dabei werden sie bestmöglich in den normalen Kita-Alltag integriert. Eltern und Kitas werden von speziell geschulten Heilpädagogischen Früherzieherinnen und Früherziehern begleitet.Diese verfügen über ein fundiertes Fach- und Erfahrungswissen über die erfolgreiche Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Kindertagesstätten. Die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder und Eltern werden ebenso berücksichtigt wie die Bedürfnisse der Kindertagesstätten. An den Gesprächen mit den Eltern, den Kita-Mitarbeitenden und den begleitenden Heilpädagogischen Früherzieherinnen und Früherziehern werden Fachwissen aufgebaut und unterstützende Massnahmen festgelegt. In der Kita selbst wird weder durch das Kita-Personal noch durch den Heilpädagogischen Früherziehungsdienst eine spezielle Förderung im therapeutischen Sinne angeboten. Das Erleben der Gruppe und des Kita-Alltags sind für betroffene Kinder bereits Förderung und Gefordert-Werden genug. Die Einzelförderung des Kindes findet daher in der Regel weiterhin zu Hause durch die begleitende Heilpädagogische Früherzieherin oder den Früherzieher statt.

Medizinische Indikation

Für die Teilnahme eines Kindes an KITAplus muss eine medizinische Indikation vorliegen.Damit wird ein «besonderes Bedürfnis» ausgewiesen und die professionelle Fachbegleitung durch den Heilpädagogischen Früherziehungsdienst sichergestellt. Die Teilnahme an KITAplus ist für Eltern und Kitas freiwillig. Es besteht weder eine Verpflichtung noch ein Anspruch.

Ein Erfolgsmodell erobert die Schweiz

KITAplus ist eine Initiative der Stiftung Kifa Schweiz und wurde im Jahr 2012 im Rahmen eines Pilotprojekts als gemeinsames Projekt mit kibesuisse Verband Kinderbetreuung Schweiz in der Stadt Luzern gestartet. Inzwischen wurde das Programm auf den ganzen Kanton Luzern ausgeweitet. Aktuell besuchen im Kanton Luzern 30 Kinder mit besonderen Bedürfnissen eine reguläre Kindertagesstätte im Rahmen des Programms KITAplus.

Durch die standortunabhängige Projektanlage verfügt KITAplus Luzern über Modellcharakter und ist auf andere Kantone, Städte und Gemeinden übertragbar. Aktuell laufen in denKantonen Basel-Landschaft, Nidwalden und der Stadt Bern Pilotprojekte. Im Kanton St. Gallen wurde KITAplus vom Amt für Soziales und Pro Infirmis St. Gallen-Appenzell in Zusammenarbeit mit Fachstellen initiiert.Nach einer 2-jährigen Pilotphase wurde KITAplus im Kanton Uri im Jahr 2020 definitiv eingeführt. «Kita inklusiv», wie das Programm im Kanton Solothurn genannt wird, wird seit 2019 umgesetzt. In Kürze startet KITAplus als Pilotprojekt in Winterthur und Umgebung. Weitere Deutschschweizer Kantone interessieren sich für KITAplus.

Besondere Ehre

Jedes Jahr vergibt die Albert-Köchlin-Stiftung einen Anerkennungspreis. Dieser wird an weitsichtige Menschen und Organisationen verliehen, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen zugunsten der Gesellschaft engagieren. Im Jahr 2015 wurde das Projekt KITAplus mit dem Anerkennungspreis der Albert-Köchlin-Stiftung ausgezeichnet.

KITAplus ist ein Gewinn für alle

Die Pädagogische Hochschule Luzern (PHLuzern) untersuchte im Auftrag der Stiftung Kifa Schweiz, welchen Nutzen das Projekt KITAplus für die Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die Kinder ohne Beeinträchtigungen, die Eltern sowie die Kindertagesstätten hat. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass das Angebot KITAplus ein Gewinn für alle Beteiligten ist. Als Grundlage dieses Forschungsergebnisses dienen die Evaluation des Pilotprojekts im Kanton Luzern (2012 bis 2014)sowie die definitive Einführungsphase im Schuljahr 2014/2015.

Alle Kinder profitieren

Die PH Luzern kommt in ihrem Abschlussbericht zum Ergebnis, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen vom sozialen Miteinander in einer gleichaltrigen Gruppe profitieren. Die Kinder ohne Beeinträchtigung lernen, dass nicht alle gleich sind und dennoch Teil der Gesellschaft sind. Die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen gelingt gut. Die KITAplus-Kinder wurden von den anderen Kindern akzeptiert und die grosse Mehrheit war fähig, soziale Kontakte zu anderen Kindern aufzubauen. Mit dem Angebot KITAplus steigt die Chance, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen den Schritt in die reguläre Schule schaffen, anstatt in einer Sonderschule eingeschult zu werden.


Das Angebot KITAplus ermöglicht Kindernmit besonderen Bedürfnissen den Besucheiner regulären Kita. Davon profitieren die Kinder mit einer Behinderung gleichermassen wie die Kinder ohne Behinderung.(Archivbild)

 


KITAplus grafisch dargestellt

 

Grosse Entlastung für die Eltern

Weiter hält die Studie der PH Luzern fest, dasses für die Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen eine grosse Entlastung im Alltag bedeutet. Das KITAplus-Angebot wurde von ausnahmslos allen KITAplus-Eltern sehr geschätzt. So berichteten die Eltern über die sozialen und emotionalen Fortschritte ihrer Kinder. Über 90 Prozent der Eltern von Kindern ohne Beeinträchtigung betrachten es als selbstverständlich, dass auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen Zugang zu Kindertagesstätten haben sollten. Als weiteren Punkt
hebt die Studie hervor, dass sich die Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit dem Angebot KITAplus verbessert haben.

Kompetenzerweiterung der Kitas ist ein Gewinn

Die Kita-Leiterinnen betrachten gemäss Studie die Sensibilisierung und die Kompetenzerweiterung des Betreuungspersonals durch das Angebot KITAplus als Gewinn. Das aufgebaute Fach- und Handlungswissen vermittelt den Kita-Mitarbeitenden Sicherheit im Alltag, unterstützt den weiteren Aufbau von Fachwissen und wirkt sich positiv auf alle Kita-Kinder aus.Zudem wird die Hemmschwelle gegenüber Kindern mit besonderen Bedürfnissen abgebaut.

Pflegende Angehörige – anerkennen und entlasten

(Physioactive.ch/de)

RICHARD ZÜSLI

Ungefähr 600 000 Personen in der Schweiz betreuenund/oder pflegen Angehörige. Wie Angehörige unterstützt und entlastet werden können, dazu gibt es verschiedene Initiativen. Was bis anhin jedoch fehlt, ist eine nationale Strategie

Betreuung geschieht oft im Stillen und Verborgenen. Doch es sind sehr viele Personen, die in irgendeiner Form für ihre Angehörigen sorgen: Gemäss einer Umfrage im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit von 2019 befindet sich in der Schweiz jede 13. Person in dieser Rolle, also nahezu 600 000 Personen . Sogar eine beträchtliche Anzahl Kinder und Jugendliche kümmert sich bereits um ihre Eltern, Grosseltern oder eine andere Person. Am meisten involviert sind Angehörige zwischen 50 und 60 Jahren. Über alle Altersklassen hinweg entfallen am meisten Betreuungsleistungen auf die eigene Mutter und den eigenen Vater, während die über 80-Jährigen am häufigsten für den Partner oder die Partnerin sorgen.

Hilfe im Alltag, Administration, Körperpflege…

Die Betreuenden sind für ihre Angehörigen da, beobachten ihr Wohlergehen, übernehmen finanzielle und administrative Aufgaben oder andere Hilfestellungen im Alltag. Ein grosser Teil von ihnen unterstützt die Angehörigen auch bei der Behandlung oder übernimmt Aufgaben bei der Körperpflege (Definitionen zu pflegenden Angehörigen siehe Kasten). Wie die Umfrage weiter zeigen konnte, setzen betreuende Angehörige viel Zeit für diese Aufgaben ein. Die Mehrheit – zwei Drittel von ihnen – leistet bis zu 10 Stunden pro Woche. Mehr als 20 Stunden oder gar rund um die Uhr pflegt und betreut jede und jeder Zehnte.

Aktionsplan und Förderprogramm des Bundes

Um gezielt Lücken im Bereich pflegende und betreuende An-gehörige zu schliessen, verabschiedete der Bundesrat 2014 einen Aktionsplan. Das Ziel war es, die Bedingungen für betreuende Angehörige zu verbessern.


Die meisten Betreuungsleistungen entfallen auf die eigene Mutter oder den eigenen Vater.

 


Definition Betreuende Angehörig
Wer ist eigentlich ein/e betreuende/r Angehörige/r? Es gibt ver-schiedenen Definitionen. In einigen Ländern ist auch von Carer oder Caregiver die Rede.«Betreuende und pflegende Angehörige sind Personen aller Al-tersgruppen, die einen Menschen, dem sie sich verbunden füh-len und/oder verpflichtet fühlen, über längere Zeit und in we-sentlichem Ausmass in der Bewältigung und/oder Gestaltung des Alltags unterstützen, sofern er dies aus gesundheitlichen Gründen nicht alleine kann.»Hannah Wepf, Heidi Kaspar, Ulrich Otto, Iren Bischofberger, Agnes Leu: Pflegerecht, Ausgabe 3/17 [2]«Ein betreuender Angehöriger oder eine betreuende Angehörige ist eine Person, die ihre persönliche Zeit regelmässig einsetzt zur Unterstützung einer ihr nahestehenden Person jeden Alters, die in ihrer Gesundheit und/oder Autonomie eingeschränkt ist. Damit leistet der/die betreuende Angehörige sogenannte Care-Arbeit.»Andreas Bircher, Schweizerisches Rotes Kreuz «Betreuung ist eine Unterstützungsform. Sie unterstützt Men-schen dabei, trotz Einschränkungen den Alltag selbstständig zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.»In Anlehnung an «Wegweiser für gute Betreuung im Alter», Paul Schiller-Stiftung 2020


Als grössten Mangel konnte das Fehlen von aktuellen Daten identifiziert werden. Eine Fülle an fundierten neuen Erkenntnissen erbrachte das vierjährige Förderprogramm «Entlastungsangebote für be-treuende Angehörige 2017–2020» des Bundesamts für Ge-sundheit BAG. Es konnte im Herbst 2020 erfolgreich abge-schlossen werden.

Die Eltern kranker Kinder – zehn Prozent aller betreuenden Angehörigen – können aufatmen. Für sie gibt es bald eine handfeste Massnahme: den ab Juli 2021 geltenden bezahlten Betreuungsurlaub von 14 Wochen. Schon ab Januar 2021 ist die kurzzeitige Arbeitsabwesenheit für Familienmitglieder geregelt. Seit Längerem können Menschen mit einer Behinderung bei der Invalidenversicherung Assistenzentschädigungen beantragen und so betreuende Personen entlöhnen. Und in gewissen Fällen erhalten Angehörige eine Betreuungsgutschrift von der Alters- und Hinterlassenenversicherung. Diese Anspruchsberechtigung soll ausgeweitet werden.

Strategie für betreuende Angehörige gefordert

Was im Bereich Demenz und Palliative Care selbstverständlich ist – eine nationale Strategie – fehlt für betreuende Angehörige vollständig. Vor allem in der deutschsprachigen Schweiz gibt es keinen systematischen gemeinsamen Bezug der Akteure. Keine explizite Strategie, aber bemerkenswerte gemeinsame Aktionen und Kooperationen existieren seit einigen Jahren in der Westschweiz und im Tessin.


Rund die Hälfte der betreuenden Angehörigen findet kein passendes Entlastungsangebot.

 

An der letztjährigen «Swiss Public Health Conference» schlug Patrick Hofer, Vorstandsmitglied von «Pro Aidants», in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit und Gesundheitsförderung Schweiz deshalb vor, sich schweizweit gemeinsam auf eine «Strategie zur Unterstützung und Förderung betreuender Angehöriger» zu einigen. Das Rad braucht hierzu nicht neu erfunden zu werden. «Eurocarers», die Dachorganisation der europäischen Betreuenden-Organisationen, hat schon viel und gute Vorarbeit geleistet .

Ins gleiche Horn stiess am Abschlussanlass des oben erwähnten BAG-Förderprogramms Adrian Wüthrich, alt Nationalrat, Präsident und Geschäftsführer von «Travail.Suisse» und ehemaliger Präsident der IGAB, der Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung. Er forderte ebenfalls eine nationale Strategie für betreuende Angehörige.

Einen konkreten Vorschlag für eine mögliche Carer-Strate-gie für die Schweiz brachte der Verein «Pro Aidants» 2020 auf seiner Homepage und im Jahresbericht ins Spiel.

10 Schritte für eine carer-freundliche Schweiz

Der Vorschlag von «Pro Aidants» für eine Schweizer Strategie für pflegende Angehörige, in

Anlehnung an Eurocarers, im Wortlaut:

  • Carer definieren und wertschätzen. Warum? Weil am Anfang von Entscheidungen zuungunsten von Carern oft ein fehlendes Verständnis steht, was Carer überhaupt tun.
  • Carer identifizieren. Warum? Weil Carer ihre Arbeit im Stillen leisten und man sie zuerst kennen muss, bevor man sie gezielt ansprechen kann.

Angehörige wünschen sich von den Fachpersonen, dass sie in ihrer Rolle unterstützt und als kompetente Partner wahrgenommen werden

 

  • Den Bedarf und die Bedürfnisse von Carern erheben.Warum? Was Carer brauchen, ist sehr individuell. Nur wenn zusammen mit Carern ermittelt wird, was sie genau benötigen, können sie wirksam unterstützt werden.
  • Unterstützung eines partnerschaftlichen Miteinanders bei der integrierten und gemeindenahen Pflege und Betreuung. Warum? Die Integration der unterschiedlichsten professionellen und informellen Akteure ist eine Voraussetzung für eine angemessene Pflege und Betreuung. Carer spielen hierbei eine entscheidende Rolle.
  • Erleichtern des Zugangs zu Informationen über An-gehörigenbetreuung und Care-Life-Balance. Warum? Carer wird man in der Regel schleichend oder ohne lange Planung von einem Tag auf den anderen. In beiden Fällen werden grundlegende Informationen benötigt, die fundiert und leicht verfügbar sind.
  • Auf die Gesundheit der Carer achten und negative gesundheitliche Folgen verhindern. Warum? Als Resultat des Einsatzes für andere überlastet sich ein Teil der Carer und wird selber pflegebedürftig.
  • Carern eine Pause gönnen. Warum? Dass vorübergehend jemand anders die Pflege- und Betreuungsaufgaben übernimmt (Entlastungspflege), wird von Carern oft als die wichtigste Form der Unterstützung zur Linderung von Pflegebelastung und Stress wahrgenommen.
  • Carern den Zugang zu Schulungen ermöglichen und Anerkennung ihrer Fähigkeiten. Warum? Gut informierte und gut unterstützte Carer handeln vorbeugend und sind in der Lage, länger und unter besseren Bedingungen zu sich selbst zu schauen und für die von ihnen betreute Person eine qualitativ bessere Pflege zu leisten.
  • Armut der Carer verhindern und ihnen ein aktives Berufsleben/Bildung ermöglichen. Warum? Pflegende, die studieren oder arbeiten wollen und können, sollten dazu befähigt und nicht diskriminiert werden. Sie sollten in der Schule/an der Universität und am Arbeitsplatz unter-stützt werden, um ihren Beschäftigungsstatus zu erhalten
  • Die Perspektive der Carer in alle relevanten Politikbereiche einbeziehen. Warum? Initiativen zugunsten pflegender und betreuender Angehöriger sind verknüpft mit einem breiten Spektrum von gesundheits- und sozialpolitischen Massnahmen.

  • Neue Anlaufstelle für Angehörige und App
    Betreuende Angehörige finden auf der Internet-Plattform wis-sen.weplus.care/de Wissensartikel mit ersten Antworten auf Fragen zur Angehörigenbetreuung. Das Angebot wird sukzessi-ve weiterentwickelt anhand der Fragen, die dem Team über die Anlaufstelle proaidants.ch/de-ch/anlaufstelle zugespielt werden.Mit der «We+Care App» wird die Koordination der Betreuung und Pflege im engen Umfeld erleichtert, das heisst: Ein tragfähi-ges Auffangnetz einrichten, Tagespläne organisieren, Anfragen an die Gruppe schicken oder die Übergabe zwischen verschiede-nen Betreuerinnen und Fachpersonen zu koordinieren. All das kann einfach über die App organisiert werden. Die App ist für Familien kostenlos. Die Betaversion ist erhältlich unter: www.weplus.care/test


    Was sich Angehörige von Fachpersonen wünschen

    Das erwähnte Förderprogramm «Entlastungsangebote für betreuende Angehörige 2017–2020» des BAG hält den Organisationen den Spiegel vor und zeigt auch, was betreuende Angehörige wirklich benötigen. Die Studien zeigen, dass rund die Hälfte der betreuenden Angehörigen kein passendes Entlastungs- oder Unterstützungsangebot findet. Das Ergebnis erstaunt angesichts der Angebotsfülle und muss vertieft analysiert werden.

    Betreuende Angehörige wünschen sich von Fachpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, dass sie, sie in ihrer Rolle unterstützen und als kompetente Partner wahrnehmen: Die Expertise der Angehörigen ist eine zu wenig genutzte Ressource. Das widerspiegelt sich auch in den zu wenig partnerschaftlichen Formen der Zusammenarbeit zwischen betreuenden Angehörigen und Fachpersonen. Am häufigsten übernehmen Angehörige die Koordination und den Informationsaustausch zwischen Hausarztmedizin oder Pflege und Expertinnen und Experten wie etwa aus der Physiotherapie. Diese Aufgabe ist wertvoll, weil eine gute Koordination über das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten im Alltag entscheidet. Sie ist aber auch zeitintensiv und betreuende Angehörige müssen dafür oft viel Energie aufwenden. Dies kann als Belastung empfunden werden – insbesondere, wenn das Zeitbudget knapp ist oder Angehö-rige sich von Fachpersonen nicht anerkannt fühlen.