Einsparungen dankberuflicher Eingliederung

(Schweizer Sozialversicherung/Ass. Sociale Suisse)

Haben sich die Investitionen in die berufliche Eingliederung in den letzten 15 Jahren bei der Invalidenversicherung wirklich gelohnt? Ja, kann die IV-Stellen-Konferenz seit August 2019 anhand eines mit eindrücklichen Zahlen unterlegten Business Case antworten.


Florian Steinbacher Präsident der 1V-Stellen-Konferenz,
Leiter der 1V-Stelle für Versicherte im Ausland

 

Die jährlich zunehmende hohe Verschuldung der Invalidenversicherung (IV) hat den Gesetzgeber anfangs Jahrtausendwende dazu veranlasst, mit entsprechenden Anpassungen korrigierend einzugreifen. Mit der 4., 5. und 6. Revision des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)in den Jahren 2004, 2008 und 2012 wurden unterschiedliche Massnahmen eingeführt, um die Verschuldung langfristig zu reduzieren respektive abzubauen. Das Ziel ist die komplette Sanierung und Gesundung der IV bis ins Jahr 2030.Mit der Stärkung des Grundsatzes «Eingliederung vor Rente» erfolgte mit der 5. IVG-Revisioneine Strategieänderung der IV von einer Renten-versicherung hin zu einer Eingliederungsversicherung.

Eingliederung hat jährlich 750 Millionen gespart

Dieser Strategie folgend investierte der Gesetzgeber zusätzlich Geld und personelle Ressourcen. Einerseits in Leistungen für die berufliche Eingliederung und andererseits in die Mittel für den Vollzug der neuen Massnahmen. Da konkret Leistungen ausgebaut wurden – insbesondere in der beruflichen Eingliederung – ist die zentrale Frage: Haben die investierten Mittel auch tatsächlich zur finanziellen Gesundung der IV beigetragen?

Demnach ist es wichtig zu prüfen, ob dieses politische Versprechen erreicht wurde und die vergangenen drei Revisionen die geeigneten Massnahmen eingeführt haben.

Im Auftrag der Mitgliederversammlung hat die IV-Stellen-Konferenz (IVSK) diese Frage anhand eines Business Case untersucht. Es handelt sich dabei um eine Analyse aus finanzieller Sicht.Das Fazit: Die strategische Neuausrichtung «Eingliederung vor Rente» und der Ausbau der beruflichen Eingliederung sind eine finanzielle Erfolgsgeschichte. Der Business Case zeigt auf, dass sich die Investitionen mehr als rechnen, denn die Einsparung bei den Rentenzahlungen fällt weit höher aus als die getätigten «Investitionskosten».

Die IV hat in den Jahren 2004 bis 2016 (ohne jährliche Ab- oder Aufzinsung) allein durch berufliche Eingliederungen fast 1o Mrd. Franken gespart. Pro Jahr entspricht dies über 75o Mio.Franken. In dieser Nettorechnung sind alle zusätzlichen Aufwendungen aufgrund des Leistungs- und Personalausbaus mit eingerechnet.Werden zudem nebst den IV-Renten auch die Invaliditätsrenten aus der beruflichen Vorsorge berücksichtigt, so beträgt die Einsparung im selben Zeitraum sogar über 23 Mrd. Franken (siehe Tabelle). Eine einzige Rente, die infolge erfolgreicher beruflicher Eingliederung vermieden werden kann, bedeutet eine Einsparung von rund 250000 Franken.

Personalmangel erschwert optimale Eingliederung

Die Plafonierung der Personalressourcen der IV-Stellen auf Bundesebene hat allerdings einen negativen Einfluss auf das finanzielle Ergebnis.Diese Personalressourcen sind seit 2013 auf demselben Stand eingefroren, obwohl die Anmeldungen für berufliche Eingliederung oder Rente im gleichen Zeitraum um 3o Prozent zunahmen.Durch fehlendes Personal für die Begleitung und Beratung der versicherten Personen im Bereich der beruflichen Eingliederung sehen die IV-Stellen eine wie bis anhin umfassende Betreuung gefährdet. Die Laufzeit der Fälle verlängert sich,was wiederum die Gefahr der Chronifizierung von Krankheiten bei den antragstellenden Personen fördert. Ebenso ist eine Nachbetreuung kaum mehr möglich. Als Folge davon steigt die Anzahlder Neurenten, was sich finanziell ebenfalls negativ auswirkt. Die IVSK ist besorgt über diese Entwicklung. Letztlich führt das Sparen beim Personal oder bei den Leistungen im Rahmen der beruflichen Eingliederung nicht zu weniger Aus gaben, sondern im Gegenteil zu einer Erhöhungder Ausgaben in der IV.

Auch wenn mit der IVG-Revision 6a zusätzliche Stellen bewilligt wurden, so reichen diese Ressourcen nicht aus, die Zunahme der Anmeldungen von über 3o Prozent auszugleichen.

Die IVSK stellt ausserdem eine starke Tendenz zu immer mehr Aufgaben rein administrativer Natur fest, die dem Ziel der finanziellen Gesundung der IV zuwider läuft. Ebenso schränken als Weisungen erlassene Aufgaben in den Bereichen Public Corporate Governance, Compliance oder auch komplexer werdende Daten- und Zahlenanalysen mit Controllingfunktion den Handlungsspielraum der IV-Stellen ein. Auch diese Aufgaben benötigen entsprechende Ressourcen und gehen am Ende zulasten des Hauptauftrags:der beruflichen Eingliederung.

Sparen um jeden Preis lohnt sich nicht

Eine weitere Gefahr liegt zudem in isolierten Kostensenkungsmassnahmen. Diese bergen das Risiko, dass auf das Gesamtsystem eine falsche Wirkung erzielt wird. Der Business Case zeigt auf,dass Kostenerhöhungen in einzelnen Leistungsbereichen eine positive Wirkung auf das Gesamtsystem erzielen und die Gesamtausgaben in der Endabrechnung sogar gesenkt werden.

Abschliessend sind die neusten Zahlen der IV zu erwähnen, mit denen der Business Case nachträglich ergänzt worden ist. Die Neurenten sind von 2015 bis 2017 von 14 0000 auf 14 700 gestiegen.Im Jahr 2018 ist ein weiterer Anstieg der Neurenten zu verzeichnen. Dass dabei die fehlenden Ressourcen bei den IV-Stellen einen Einflusshaben, ist kaum abzustreiten. Im Rahmen der Weiterentwicklung der IV sowie der jährlichen Zunahme der IV-Anmeldungen sind die Erkenntnisse aus diesem Business Case von grösster Relevanz.


Einsparungen dankEingliederungsmassnahmen von 2004 bis 2018

 

In Kurze
Die Stärkung des Grundsatzes «Eingliederung vor Rente» hat seit 2004 in der IV und der beruflichen Vorsorge 23 Milliarden gespart. Wenn das erweiterte Leistungsangebot der IV-Stellen und die tiefere Neurentenquote beibehalten werden sollen, darf nicht bei den Personal ressourcen gespart werden.

Kein Zutritt für Rollstuhlfahrer an mehr als der Hälfte der Haltestellen

(Limmattaler Zeitung)

Bis 2024 müssten alle Bushaltestellen behindertengerechtsein. Das werden Kanton und Gemeinden nicht schaffen.

Katrin 011er
Es bleiben noch vier Jahre Zeit,um alle der über 2200 Bushaltestellen im Kanton Zürich behindertengerecht zu machen. 856 davon liegen an Staatstrassenund fallen in die Verantwortungdes Kantons. 2024 läuft die zwanzigjährige Übergangsfrist für die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes(BehiG) ab. Doch schon heute ist klar: Gemeinden und Kanton werden die Frist nicht einhalten.Denn im Kanton Zürich können Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte erst bei 44 Prozent der Bushaltestellen einsteigen. Dies geht aus einer kürzlich publizierten Antwort des Regierungsrats auf eine Anfrage von drei SVP-Kantonsräten hervor.

Dennoch tut sich einiges.Die Regierung geht davon aus,dass jährlich 30 bis 50 Bushaltestellen hindernisfrei werden.Dies vor allem, wenn sowieso eine Sanierung ansteht. Ein Neubau kostet zwischen 100 000 und 175 000 Franken,ein Ausbau der Haltekante 5000 bis 8000 Franken. Priorisiert werden Haltestellen in der Nähe von Institutionen, die für Menschen mit einer Behinderung wichtig sind.

Die Anfragesteller erkundigen sich vor allem nach negativen Auswirkungen auf die Gemeinden. Die Regierung betont in der Antwort aber primär die Vorteile von hindernisfreien Haltestellen, etwa dass auch Personen mit Kinderwagen oder Gepäck schneller einsteigen können. Dadurch verkürze sich die Haltezeit, was auch dem Autoverkehr zu Gute komme.

Auch Joe Manser, der sich seit Jahrzehnten für den hindernisfreien öV einsetzt, konstatiert, dass einiges in Bewegung sei. Der Zürcher SP-Gemeinderat ist Mitglied der Behindertenkonferenz sowie der Expertenkommission des Zürcher Verkehrsverbunds(ZVV)für hindernisfreies Reisen. Die Verkehrsorganisation hätten schon vor Jahren reagiert. Das Rollmaterial des ZVV sei komplett behindertengerecht – auch weil niederflurige Busse wegen der international grossen Nachfrage unterdessen günstiger sind als hochflurige.

Gemeinden ohne Plan

Vor allem die grossen Zentren wie Zürich, Winterthur und Uster hätten realisiert, dass mit der Umsetzung des BehiG Kostenauf sie zu kommen, sagt Manser.Die Städte hätten die Kosten frühzeitig in den Budgets eingeplant und seien auch mit der Umsetzung schon weit. «Der Grossteil der Gemeinden hat aber nach wie vor keinen Plan.»

Dies zeigten auch die aktuell publizierten Zahlen. Denn dass 44 Prozent der Bushaltestelle behindertengerecht sind, heisst noch lange nicht, dass Rollstuhlfahrer dort autonom ein- und aussteigen können. Dies treffe wohl erst auf 500 bis 1000 Haltestellen zu, schätzt Manser. Die übrigen ermöglichen den Zugang mit Hilfe einer Rampe und durch das Abneigen des Busses.An mehr als der Hälfte aller Bushaltestellen im Kanton Zürich können Rollstuhlfahrer also nicht einsteigen.

Grundsätzlich gelte: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg», sagt Manser. Adliswil sei ein typisches Beispiel. Erst ging man davon aus, dass es am millionenteuren neuen Busbahnhof der Gemeinde im Sihltal keinen Platz habe für höhere Haltekanten. Die Behindertenkonferenz hat Einsprache eingereicht, was oft am Anfang eines Umdenken stehe, wie Manser sagt. «Nach ein paar Sitzungen mit den Verantwortlichen ging es dann plötzlich.» Geholfen habe, dass die verantwortliche Gemeinderätin wechselte.

Wo Bushaltestellen bis 2024 noch nicht angepasst sind – etwa weil bauliche Massnahmen als nicht verhältnismässig eingestuft wurden – müssen Ersatz-massnahmen wie ein Behindertenfahrdienst angeboten werden, schreibt der Regierungsrat weiter. Organisationen wie die Behindertenkonferenz könnten ab 2024 klagen. Sollte es zu Gerichtsfällen kommen, wäre die Verhältnismässigkeit nur bedingt ein Kriterium, vermutet Manser: «Schliesslich hatten die Gemeinden zwanzig Jahre Zeit und hätten die Kosten der neuen Haltestellen längst abgeschrieben, wenn sie frühzeitig reagiert hätten.»


Nur 44 Prozent der Haltestellen sind behindertengerecht.
Bild: Michele Limina

 

Behindertengerechte Bahnhöfe

(Curaviva / deutsche Ausgabe)

Es braucht zusätzliche Anstrengungen,damit in der Schweiz die Bahnhöfe behindertengerecht umgebaut sein werden. Das Bundesamt für Verkehr (BAV)hat ermittelt, dass bis Ende 2019 von rund 1800 Bahnhöfen und Haltestellen 819 von Menschen mit Behinderung selbstständig und ohne Umstände benutzt werden können.

Das entspricht 45 Prozent. Das Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) schreibt vor, dass Bauten, Anlagen und Fahrzeuge, die vordem 1. Januar 2004 in Betrieb genommen wurden, bis spätestens zum 31. Dezember 2023 baulich barrierefrei angepasst sein müssen. Bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist im Jahr 2023 sind Arbeiten für 525 weitere Bahnhöfe geplant. Bei rund 205 Projekten (11 Prozent) der Bahnhöfe allerdings wird «trotz Intervention des BAV» die Anpassungsfrist voraussichtlich überschritten werden – darunter auch bei einigen grossen Bahnhöfen wie Bern, Lenzburg, Neuenburg oder Zürich HB. Hier muss das Personal Hilfe anbieten. Damit wird die Vorgabe des BehiG berücksichtigt, wonach die Verhältnismässigkeit gewahrt werden muss. Der Bund investiert in das Erneuerungsprogramm über drei Milliarden Franken.


1800 Bahnhöfen und Haltestellen 819 von Menschen mit Behinderungselbstständig und ohne Umstände benutzt werden können..

 

In Zürich hapert es mit Busstationen für Behinderte

(Tages-Anzeiger)

Gleichstellung

Knapp vier Jahre bleiben noch, bis der öffentliche Verkehr grundsätzlich hindernisfrei sein muss. Bis 2023 muss das Behindertengesetz umgesetzt sein. Doch der Kanton Zürich ist bei weitem nicht so weit.Letztes Jahr erfüllten 44 Prozent oder knapp 1000 der 2247 Bushaltestellen die Anforderungen.Und es wird wohl nicht reichen.

Wie aus der Antwort des Regierungsrats auf eine SVP-Anfrage hervorgeht, werden derzeit jährlich 30 bis 50 Haltestellen behindertengerecht ausgebaut oder neu erstellt. Der Kanton, der die 856 Haltestellen an Staatsstrassen verantwortet, sowie die Gemeinden müssen also noch einen Zacken zulegen.

Gemäss Behindertengleichstellungsgesetz sind aber Ausnahmen erlaubt. Wo ein Ausbau«nicht verhältnismässig» ist,braucht es dennoch ein Angebot wie einen Behindertenfahrdienst. Gemäss Regierung wurde sichergestellt, dass alle Bushaltestellen in der Nähe von Institutionen, die für Behinderte wichtig sind, ausgebaut sind. Es gibt eine Prioritätenliste, und für alle Haltestellen mit mittlerer und hoher Priorität besteht zumindest ein Bauprojekt.

Bei Neubauten von Bushaltestellen kostet eine Haltekantezwischen 100 000 und 175 000Franken. Muss eine Haltekante bloss erhöht werden, ist es wesentlich günstiger. Die Kosten betragen zwischen 5000 und 8000 Franken.

Auf eine SVP-Zusatzfrage mit leicht kritischem Unterton antwortet die Volkswirtschaftsdirektion von Carmen Walker Späh(FDP), dass nicht nur behinderte Menschen vom barrierefreien Zugang zu Bussen profitierten,sondern alle Fahrgäste, insbesondere ältere Personen und jene mit Kinderwagen und Gepäck.Ein weiterer Vorteil sei, dass die Passagiere schneller ein- und aussteigen könnten, womit sichdie Haltezeit verringere und so auch die wartenden Autos hinter den Bussen profitierten. (pu)

Kindern eine Auszeit schenken

(Der Landbote)

Pilotprojekt Kinder mit psychisch kranken Eltern haben es nicht leicht. Ein Pilotprojekt sucht rund um Zürich Patinnen und Paten, um die Kinder und ihre Eltern einen Nachmittag pro Woche zu entlasten.
Katrin 011er

Wenn Eltern psychisch erkranken, leiden auch ihre Kinder. Sie machen sich Sorgen und können sich in der Schule nicht mehr konzentrieren. Manche werden laut und auffällig, andere ziehen sich zurück. Beim Institut Kinderseele Schweiz in Winterthurgeht man davon aus, dass in der Schweiz mehr als 300 000 Kinder und Jugendliche mit einempsychisch kranken Elternteil auf-wachsen. Das Risiko dieser Kin-der, selber psychisch krank zuwerden, liegt zwischen 25 und 55 Prozent. Bei Kindern von ge-sunden Eltern liegt das Risiko bei 10 bis 20 Prozent.

Hier möchte Ponto ansetzen. Das neue Projekt von Pro Infirmis und Espoir will solchen Kindern Patinnen und Paten zur Seite stellen. «Ein verlässliches,erwachsenes Gegenüber», wie Espoir-Geschäftsführerin Lucia Schmid sagt. Espoir begleitet im Auftrag von Sozialbehörden jährlich rund 250 Kinder und Familien in Not und ist «von der Kinderseite» her auf die schwierige Situation der Kinder mit psychisch erkrankten Eltern aufmerksam geworden. Zeitgleich wollte Pro Infirmis, wo betroffene Eltern beraten und unterstützt werden, das Thema aufgreifen. «So sind wir uns zugeflogen», wie Schmid sagt.

Seit August 2019 läuft das Pilotprojekt Ponto, das von derZürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wissenschaftlich begleitet wird.Nachdem ein Konzept entwickelt wurde, suchen Espoir und Pro Infirmis nun geeignete Patinnen und Paten.

«Kein Hütedienst»

Paten können Paare, Familien oder Einzelpersonen sein, sagt Rina Lombardini, die die Patenschaften koordiniert. Es müssten weder Pädagogen noch Akademiker sein, sondern Leute, die den Kindern einen Nachmittag pro Woche eine unbeschwerte Zeit schenken wollen. Egal, ob die Paten mit dem Kind auf den Spielplatz gehen, bei sich zu Hause kochen oder dem Kind Platz und Zeit geben, mal in Ruhe Lego zu spielen. «Es soll eine Auszeit sein, in der die Kinder mal nur das tun können, was sie selber wollen, ohne stets Rücksicht nehmen zu müssen.» Es müsse allen klar sein, dass es sich bei Ponto nicht um einen Hütedienst handle, sagt Lombardini.

«Es soll zu keinem Machtkampf kommen zwischen den Eltern und den Paten.»
Lucia Schmid Geschäftsführerin Espoir

Die Anforderungen an die Patinnen und Paten sind gute Gesundheit, stabile Lebensumstände und keine Einträge im Strafregisterauszug sowie im Sonderprivatauszug. Sie werden von Espoir vor allem zu Beginneng begleitet und erhalten zur eigenen Orientierung eine Schulung zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und welche Auswirkungen diese auf eine Familie haben können.

Möglichst in der Nähe

Rina Lombardini hofft, bald die ersten Paten mit den Familien zusammenzubringen. Während drei Monaten wird geschaut, ob die Chemie stimmt. Idealerweise wohnen die Paten in der Nähe der Familien. Auf der Suche nach Paten hat Espoir den ursprünglich auf die Stadt Zürich begrenzten Radius ausgeweitet und richtet sich nun an die Stadt und die Agglomeration. Ausgenommen ist Winterthur, da dort der Verein Familien- und Jugendhilfe Winterthur (FUJH) ein ähnliches Programm anbietet.

Ponto wird vollumfänglich durch Spenden finanziert sowie durch Beiträge der Gesundheitsförderung Schweiz, des Lotteriefonds des Kantons und des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Mit rund einer halben Million Franken ist die Finanzierung des Projekts für drei Jahre gesichert. Paten werden nicht vergütet, erhalten aber eine Spesenentschädigung. Die Eltern zahlen einen Unkostenbeitrag von 80 Franken im Monat. Lucia Schmid betont aber, dass die Kosten kein Ausschlusskriterium seien: «Da findet man meist eine Lösung.»

Kein Machtkampf

Auch wenn es gewünscht sei,dass die Paten die Eltern kennen und zum sozialen Umfeld der Familie gehören, stehe das Kind im Zentrum, sagt Lucia Schmid. Es soll zu keinem Machtkampf kommen zwischen den «fehlerhaften» Eltern und den «tollen» Paten. «Das Ziel ist ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe.»

Die Zeit, die die Kinder mit ihren Paten verbringen, soll der betroffene Elternteil seiner Genesung widmen. Sei dies eine Beratung bei Pro Infirmis oder einfach mal die Füsse hochlegen,um Kraft zu sammeln für den Alltag mit der Familie. Die Teilnahme am Projekt setzt voraus,dass sich die Eltern eingestehen,dass sie krank sind und dass ihre Kinder von einer Auszeit profitieren. Es dürfen keine von den Behörden angeordnete Kindesschutzmassnahmen bestehen.«Die Freiwilligkeit bei allen ist essenziell», sagt Lucia Schmid. Schliesslich gehe es um ein Geschenk, keinen Zwang. Auch die Kinder sollen zustimmen können.

Deshalb richtet sich Ponto an Kinder im Alter von 4 bis 15 Jahren. Ein Nachmittag pro Woche sei zu wenig Zeit, um mit einem Kleinkind eine Bindung aufzubauen, sagt Schmid. Für Ältere seien wiederum andere Jugendliche wichtiger als erwachsene Bezugspersonen.

«Die Kinder sind nicht zu unterschätzen», sagt Schmid. Sie haben viel eigene Kraft, die man mobilisieren und unterstützen könne, damit sie trotz der schwierigen Situation zu Hause gesund bleiben.www.ponto.ch


Einfach mal unbeschwert Kind sein: Ponto sucht Paten für Kinder mit psychisch kranken Eltern. Foto, Keystone

 

IV-Rente auch für Kinder im Ausland

(Neue Zürcher Zeitung)

KATHRIN ALDER

Anerkannter Flüchtling erhält recht Staaten, welche die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben, gewähren den sich auf ihrem Gebiet aufhaltenden Flüchtlingen die gleiche soziale Sicherheit wie Einheimischen. So steht es in Artikel 24 geschrieben. Auch die Schweiz gehört zu den Unterzeichnerstaaten. Was die Regelung konkret bedeutet, macht nun ein Urteil des Bundesgerichts deutlich. In dem am Freitag publizierten Entscheid befassten sich die Richter der Zweiten sozialrechtlichen Abteilung mit der Frage, ob anerkannte Flüchtlinge, die eine IV-Rente beziehen,auch Anspruch haben auf eine Kinder-rente für Kinder, die im Ausland leben.Das Bundesgericht bejahte diesen Anspruch, mit der Begründung, er gelte auch für Schweizer Eltern und IV-Bezüger.

Kinder in Frankreich

Konkret gelangte ein tschadischer Staatsangehöriger, der 1994 in der Schweiz als Flüchtling anerkannt wurde und eine ordentliche IV-Rente bezieht, 2016 an die IV-Stelle des Kantons Bern. Er verlangte die Ausrichtung von Kinderrenten für seine zwei Töchter, die er 2012 als seine Kinder anerkannt hatte und diebei ihrer Mutter in Frankreich leben. Ge-stützt auf das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, haben Eltern, die eine IV-Rente beziehen, Anspruch auf solche Zusatzbeiträge für Kinder, wenn diese entweder jünger als 18 Jahre alt oder in einer Ausbildung sind.

Die zuständige IV-Stelle lehnte den Antrag ab mit der Begründung, die Kinder hätten die tschadische Nationalitätund lebten im Ausland. Der Mann gelangte in der Folge an das Verwaltungsgericht des Kantons Bern, das seine Beschwerde 2018 guthiess und seinen Anspruch auf IV-Kinderrenten im Grundsatz bejahte. Das Verwaltungsgericht wies die Sache zur Klärung weiterer Leistungsvoraussetzungen zurück an die zuständige IV-Stelle.

Gegen diesen Entscheid erhob die IV-Stelle Beschwerde am Bundesgericht.Die Richterinnen und Richter in Luzern wiesen sie jedoch ab. Zunächst hielten sie fest, bei Schweizer Eltern, die eine IV-Rente bezögen, werde nicht verlangt,dass die Kinder ihren Wohnsitz ebenfalls in der Schweiz haben. Für Kinder von anerkannten Flüchtlingen sei dies gemäss Landesrecht aber anders. Der entsprechende Bundesbeschluss verlange, dass Flüchtlinge, die eine IV-Rente beziehen,ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz haben. Das gleiche gelte für ihre Kinder. Die Genfer Flüchtlingskonvention hingegen verlangt bei der sozialen Sicherheit von Flüchtlingen Gleichstellung mit Einheimischen.

Völkerrecht vor Landesrecht

Das Bundesgericht stellte folglich einen Konflikt zwischen für die Schweiz verbindlichem Völkerrecht und diesem widersprechenden Landesrecht fest.In einem solchen Fall geht das Völkerrecht grundsätzlich vor, es sei denn, dieso genannte Schubert-Praxis wird angewendet. Trifft dies zu – wollte der Gesetzgeber beim Erlass der neueren landesrechtlichen Regelung also bewusst vom älteren Staatsvertrag abweichen- kommt das Landesrecht zur Anwendung. Im konkreten Fall befand das Bundesgericht allerdings, eine Anwendung der Schubert-Praxis sei nicht geboten. Es fand keine Indizien dafür,dass der Gesetzgeber die Absicht gehabt hätte, mit der Regelung im entsprechenden Bundesbeschluss bewusst vonder Genfer Flüchtlingskonvention abzuweichen. Deshalb habe Letztere Vorrang. Das Gericht wies die zuständige IV-Stelle an, abzuklären, ob auch die weiteren Voraussetzungen für die Ausrichtung einer Kinderrente erfüllt sind.
Urteil 9C_460/2018 vom 21. 1. 20 – BGE-Publikation.

Assistenzhunde auch für Kinder

(Südostschweiz / Bündner Zeitung)

Die Invalidenversicherung soll auch für Kinder und Jugendliche Beiträge für Assistenzhunde zahlen. Der Bundesrat beantragt dem Parlament, eine entsprechende Motion des Luzerner FDP-Ständerats Damian Müller anzunehmen. Für Assistenzhunde zahlt die Invalidenversicherung einen Pauschalbetrag von 15 500 Franken. Allerdings haben derzeit nur Erwachsene ein Anrecht darauf. Es gebe immer wieder Fälle, in denen ein Assistenzhund bei Kindern und Jugendlichen aus medizinischer Sicht angezeigt wäre, schrieb Müller in seinem Vorstoss. So könnten Epilepsie-Begleithunde kommende Anfälle erkennen und vor diesen warnen. (sda)

Rechte von Behinderten sollen kantonal geregelt sein

(Zuger Zeitung)

Eine Motion fordert von der Zuger Regierung ein kantonales Behindertengleichstellungsgesetz

In Sachen Behindertengleichstellungsgesetzgebung geht es momentan im Kanton Basel-Stadt grosse Schritte vorwärts: Gemäss «SRF Regional-journal Basel» ist ihre Gesetzgebung auf Kantonsebene schweizweit eine Neuheit.

Geht es nach Luzian Franzi-ni (ALG/Zug), Isabel Liniger(SP/Baar) und Fabio Iten (CVP/Unterägeri) soll der Kanton Zug dem Beispiel folgen. Mit der kürzlich eingereichten Motion für ein kantonales Behindertengleichstellungsgesetz wollen die Kantonsparlamentarier den Regierungsrat beauftragen, ein Gesetz, welches die allgemeinen Bestimmungen und materiellen Grundsätze für die Behindertengleichstellung umfasst, auszuarbeiten. Analog zu jenem im Kanton Basel-Stadt. Luzian Franzini findet: «Es ist Zeit, das sein reicher Kanton wie Zug, alle Menschen gleich behandelt, insbesondere Menschen mit einer Behinderung.» Das Recht auf gleichen Zugang zu allen Lebensbereichen wie Arbeit, Bildung, Freizeit, Kommunikation,Mobilität und Wohnen sowie zu Bauten, Anlagen, Einrichtungen und öffentlich angebotenen Leistungen müsse garantiert werden, zählt Franzini auf.

Rechtsgrundlage auf Bundesebene

Im neuen Gesetz sollen demnach die Rechtsansprüche für Menschen mit Behinderung verankert und gesetzgeberische Lücken im kantonalen Kompetenzbereich geschlossen werden, schreiben die Motionäre in ihrem Vorstoss. Geltende Rechtsgrundlagen in der Schweiz sind laut Motion die Bundesverfassung mit dem Diskriminierungsschutz für Menschen mit Behinderungen und dem Nachteilsausgleichsanspruch zur Beseitigung von Benachteiligung.«Heute geschieht viel auf der freiwilligen Basis. Die Verpflichtung dazu wird aus dem Bundesgesetz abgeleitet», erklärt Luzian Franzini. Er verweist auch auf die von der Schweiz 2014 ratifizierte UNO -Behindertenrechtskonvention. Diese wirke aber nicht direkt auf bundesrechtliche und kantonale Gesetze, wissen die Motionäre. «Wichtig ist uns, dass sich Menschen mit einer Behinderung aufgrund eines Gesetzes ihre Rechte einfordern können und Behindertenorganisationen ein Verbandsbeschwerderecht erhalten.», sagt Franzini.

Leitfaden der Universität Basel

Gemäss dem Vorstoss liegen insbesondere die direkten Steuern, die Gerichtsorganisation,das Polizeiwesen, der Strafvollzug, das Schulwesen, das Gesundheitswesen, die Sozialhilfe,das Bauwesen und die regionale Infrastruktur «weitgehend oder vollständig» in der Gesetzgebungskompetenz der Kantone.«Beispielsweise soll nun im Kanton Basel-Stadt vorgeschrieben werden, dass öffentliche Veranstaltungen generell barrierefrei zu organisieren sind, sofern dies wirtschaftlich zumutbar ist», erklärt Luzian Franzini.

Neben dem Auftrag an den Regierungsrat die Gesetzeslücken zu schliessen, möchten die Motionäre, dass überprüft wird,ob zur Umsetzung und Koordination eine kantonale Fachstelle für die Rechte für Menschen mit Behinderungen geschaffen werden sollte. Weiter verweisen die Motionäre darauf, dass die juris-tische Fakultät der UniversitätBasel momentan einen Leitfa-den zuhanden aller Kantoneausarbeitet. Dieser soll am Beispiel von Basel-Stadt das Behindertengleichstellungsrecht in den jeweiligen Zuständigkeitsbereichen stärken.
Andrea Muff


Braucht es im Kanton Zug eine Fachstelle für Behindertenrechte?Bild: Stefan Kaiser
(Zug, 27. Dezember 2013)

 

Veranstaltung «Für sich und andere sorgen»: Mehr Unterstützung für betreuende und pflegende Angehörige gefordert

(innerschweizonline.ch)


Regierungsrat Guido Graf begrüsst die Teilnehmenden.

 

Über 100 Teilnehmende haben den zweiten Anlass der Veranstaltungsreihe «Für sich und andere sorgen» besucht. Dieser richtete sich an betreuende und pflegende Angehörige. Informiert wurde über die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Betreuung sowie über die finanzielle Absicherung von betreuten und betreuenden Angehörigen. Fachorganisationen orientierten über Unterstützungs- und Entlastungsmöglichkeiten. Regierungsrat Guido Graf forderte mehr Unterstützung für betreuende und pflegende Angehörige jeder Altersklasse.

Rund 4000 Luzernerinnen und Luzerner pflegen und betreuen regelmässig ihre Angehörigen. Mit der Veranstaltungsreihe «Für sich und andere sorgen» will das Gesundheits- und Sozialdepartement des Kantons diesen Personen Wertschätzung entgegenbringen, Informationen vermitteln, über Entlastungs- und Unterstützungsangebote orientieren und den gegenseitigen Austausch fördern. Der zweite Anlass fand am 12. Februar 2020 im Businesspark Sursee statt.

An der diesjährigen Veranstaltung lag der Fokus auf den Themen Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Betreuung sowie die finanzielle Absicherung von betreuenden und betreuten Angehörigen. Dazu gab es zwei Fachreferate (siehe Programm). Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf forderte dazu auf, die Situation von betreuenden und pflegenden Angehörigen zu verbessern. «Es braucht bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Betreuung. Und es braucht finanzielle Entschädigung für die Angehörigenbetreuung und -pflege.»

Finanzielle und soziale Absicherung gefordert


Die Teilnehmenden informieren sich an den Marktständen der Fachorganisationen über Unterstützungs- undEntlastungsangebote..

 

Die Politik mache zwar erste Schritte in die richtige Richtung, aber das sei noch nicht genug, so Graf. «Betreuende und pflegende Angehörige im Erwerbsalter brauchen finanzielle und soziale Absicherung sowie bedarfsgerechte, bezahlbare und niederschwellige Dienstleistungen im Gesundheits- und Sozialbereich», sagte er. Betreuende Angehörige im Rentenalter wiederum müssten von finanziellen Sorgen befreit werden. «Eltern mit schwerkranken Kindern soll – nebst dem Betreuungsurlaub – noch besser geholfen werden. Und auch Kinder und Jugendliche, die einen Elternteil, ein Geschwister oder einen Grosselternteil betreuen, brauchen Unterstützung.»

Fachorganisationen informieren über Unterstützungs- und Entlastungsangebote

Um die Teilnehmenden vor Ort über Unterstützungs- und Entlastungsangebote im Kanton Luzern zu informieren, waren folgende Fachorganisationen mit Marktständen vor Ort: Alzheimer Luzern, Association Spitex privée Suisse ASPS, Infostelle Demenz, Interessengemeinschaft Tages- und Nachtstrukturen, Nutzergemeinschaft Zeda, Palliativ Luzern, Pro Infirmis Luzern, Ob- und Nidwalden, Pro Senectute Luzern, Schweizerisches Rotes Kreuz Kanton Luzern, SOS Dienst Luzern, Spitex Kantonalverband Luzern, Stiftung Besuchsdienst Innerschweiz und WAS Ausgleichskasse Luzern. Diese Fachorganisationen haben den Anlass breit mitgetragen.

Anerkennung und Dank

Regierungsrat Guido Graf war es ein Anliegen, den betreuenden und pflegenden Angehörigen im Namen des Luzerner Regierungsrats Wertschätzung auszudrücken. «Das, was Sie – oftmals tagtäglich und rund um die Uhr im Verborgenen – leisten, ist von unschätzbarem Wert für Ihre Angehörigen und unsere Gesellschaft. Ohne Ihr Engagement könnten Ihre Angehörigen nicht so lange selbstbestimmt daheim leben», so Graf. «Die Kosten der öffentlichen Hand wären bedeutend höher. Es gäbe auch nicht genügend Fachkräfte. Herzlichen Dank für Ihr grosses Engagement.»

Weiterer Anlass 2021

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Für sich und andere sorgen» ist am 3. März 2021 eine weitere Veranstaltung geplant. Der erste Anlass fand im Februar 2019 statt.

Durchgeführt werden die Anlässe von der Dienststelle Soziales und Gesellschaft und dem Programm «Gesundheit im Alter» der Dienststelle Gesundheit und Sport – in Zusammenarbeit mit Fachorganisationen. Unterstützt werden die Anlässe von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz.

Anhang

Bild 1: Regierungsrat Guido Graf begrüsst die Teilnehmenden.
Bild 2: Die Teilnehmenden informieren sich an den Marktständen der Fachorganisationen über Unterstützungs- und Entlastungsangebote.

Strategiereferenz Diese Botschaft/Massnahme dient der Umsetzung des folgenden Leitsatzes in der LuzernerKantonsstrategie: Luzern steht für Zusammenhalt

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Dieser Beitrag wurde unter homepages und informationen der gemeinden des kantons luzern , informationen derstaatskanzleien/polizei usw. der innerschweizer kantone abgelegt am 12. Februar 2020 von Leonard Wüst .

Mutter vor Zerreissprobe

(Walliser Bote)

Porträt einer Mutter mit einem autistischen Sohn

Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die meist durch angeborene Besonderheiten im Bereich der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung entsteht. Das ist die Defi nition von Autismus.

Aber was bedeutet es für Eltern, mit einem autistischen Kind den Alltag zu bestreiten? Darüber spricht Greta Petkeviciene. Wie geht man damit um, wenn ein Kind nie seine Arme nach einem ausstreckt? Was empfi ndet eine Mutter, wenn sie nie ein Zeichen der Zuneigung erfährt?


Starke Frau Greta Petkeviciene erzählt, was es heisst, ein autistisches Kind zu begleiten. FOTO MENGIS MEDIA/ANDREA SOLTERMANN

 

Es ist ein schwieriger Weg, ein autistisches Kind zu begleiten. Greta Petkeviciene erzählt aber nicht nur von den aufreibenden Situationen. Sie kann allem etwas Gutes abgewinnen. Sie spricht auch davon, dass sie stolz ist zu sehen, wo ihr Sohn heute steht. Sie hat allen Grund, stolz zu sein.


Dankbar. Greta Petkeviciene: «In der Schweiz muss man hart arbeiten, aber das soziale System ist grossartig.» FOTO MENGIS MEDIA/ANDREA SOLTERMANN

 

BRIGERBAD | Ein Leben mit einem autistischen Kind ist nicht immer einfach. Das weiss Greta Petkeviciene aus eigener Erfahrung. Wer jetzt meint, hier ein Klagelied zu lesen, irrt sich.

NATHALIE BENELLI
Greta Petkeviciene, eine elegante Frau, die dunklen Haare zu einem strengen Knoten gebunden, führt in ihr Zuhause. Eine 1-Zimmer- und eine 2-Zimmer-Wohnung mit Verbindungstür. Hier lebt sie zusammen mit ihrem 20 jährigen Sohn Lukas. Den grösseren Raum überlässt sie ihm. Sie sagt: «Ich brauche nicht viel. Ich bin in Litauen in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. In meiner Familie waren menschliche Wärme und Würde wichtiger als materielle Dinge.» Im Flur hängt ein Bilderrahmen mit Familienfotos. Auf einem Foto sind Mutter und Sohn in den Bergen zu sehen. Die Hand von Lukas ruht auf den Schultern der Mutter. Ein Bild, wie es wohl in vielen Familienalben zu finden ist. Doch diese Aufnahme ist nicht Ausdruck einer spontanen Zuneigungsbekundung zwischen Mutter und Sohn. Das Foto ist gestellt, denn Lukas ist nicht in der Lage, Gefühle zum Ausdruck zu bringen; er ist Autist.

Greta Petkeviciene lebt seit elf Jahren im Wallis. Litauen verliess sie bereits als junge Frau. Sie folgte ihrem Mann, einem Profisportler, nach Deutschland. Es war ein Leben mit vielen Umzügen, die Sportlerkarrieren so mit sich bringen. Mit dreissig wurde sie schwanger. Sie und ihr Mann freuten sich auf das Wunschkind. Nach der Geburt gratulierten die Ärzte zu einem gesunden Sohn: Hände, Füsse, alles da. Atmung, Herzschlag, alles gut. Doch Greta Petkevicienes erster Gedanke war: «Was ist mit seinem Kopf, seinem Geist, seiner Seele?» Intuitiv spürte sie, dass es ein besonderes Kind war.

Irgendetwas stimmte nicht

Lukas war ein unruhiges Kleinkind. Er schrie Tag und Nacht. «Ich suchte nach Ursachen. Zuerst dachte ich, er hat Bauchweh. Dann glaubte ich, das Zahnen mache ihm zu schaffen. Nach und nach merkte ich aber, dass Lukas sich nicht wie andere Kinder entwickelte.» Greta Petkeviciene trug ihn ständig bei sich, immer auf der linken Seite. Gegen einen Seitenwechsel protestierte er mit noch lauterem Schreien.
«Er rebellierte, wenn ich andere Kleider oder Frisuren trug. Auf alles Neue reagierte er heftig. Obwohl ich ständig Körperkontakt mit ihm hielt, lehnte er nie seinen Kopf an mich. Nie umschlang er mich mit seinen Ärmchen oder zeigte irgendeine Regung von Zuneigung. Er hielt keinen Blickkontakt mit mir. Aus seinem
Mund kamen ausser Geschrei keine anderen Laute. Ich war für ihn ein funktionierender Gegenstand, aber keine Mama.» Irgendetwas stimmte nicht mit Lukas.

Nach einer umfassenden Abklärung in einer Klinik in Düsseldorf stand die Diagnose im Raum: frühkindlicher Autismus. Niemand konnte ihr sagen, wie sich Lukas weiterentwickeln würde. Würde er je sprechen sprechen lernen? Könnte er jemals ein selbstständiges Leben führen?

«Man schlug mir vor, meinen Sohn mit starken Medikamenten zu behandeln. Doch das wollte ich nicht. Lukas leidet nicht an einem körperlichen Defizit, das man mit einer Operation oder Medikamenten beheben kann. Es geht um seine Wahrnehmung, seine Seele.» Unerfahren sei sie gewesen, sagt sie dazu. Doch für sie war klar: «Ich habe dieses Kind geboren und ich stehe dafür ein, dass mein Sohn die Realität so gut wie möglich erleben kann ohne Ritalin und Psychopharmaka. Er sollte das leben können, was aus ihm herauswollte und konnte. Ich setzte auf Therapien und Menschen, nicht auf Medikamente.» Eine Entscheidung für einen schwierigen Weg…

Welt mit starren Mustern

Lukas bewegte sich in seiner Welt mit starren Mustern. Die gleichen Schritte,
die gleichen Handbewegungen – hundert Mal, tausend Mal, bis zur Erschöpfung. Stundenlange monotone Abläufe, Lichtschalter ein, Lichtschalter aus, diktierten seine Tage. «Störte irgendetwas diese Muster, begann er zu schreien oder er reagierte mit Aggression und Selbstverletzungen.»

«Ich wusste oft nicht, wie wir die Tage überstehen sollten»
Greta Petkeviciene

Mit der Einschulung begann ein langer Leidensweg. Sie sagt: «Niemand hielt ihn für tragbar. Lukas war so schwierig, kein Kindergarten in Deutschland wollte ihn. Entlastung fand ich bei Aufenthalten bei meiner Familie in Litauen.» Ganz banale Alltagshandlungen wurden zur Nervenprobe. «Ich erntete viele böse Kommentare, wenn Lukas in einem Einkaufszentrum zu schreien begann oder seinen Kopf auf den Boden schlug. Ich wurde beschimpft, dass ich ein verwöhntes, ungezogenes Kind hätte. Ich habe die Konfrontation nie gescheut. Ich bin dagestanden und habe erklärt: ‹Mein Sohn ist Autist.›» Sie ging zu Eltern nach Hause, deren Kinder Lukas demütigten oder ihn auslachten. «Ich sagte zu ihnen: ‹Es gibt so viele Krankheiten oder Beeinträchtigungen. Es kann jeden treffen. Erklären Sie das Ihren Kindern.›»

Manchmal kam aber auch sie an ihre Grenzen: «Ich wusste, wie unser Tag beginnen und wie er enden würde. Alles war nach Lukas’ fixen Regeln und Stundenplänen durchgetaktet. Ich wusste aber oft nicht, wie wir die Tage überstehen sollten.»

«Mein Sohn zeigt…»

Greta Petkeviciene unterbricht ihre Schilderungen. Ihr Blick wird leer. Dann sagt sie: «Ich will ehrlich sein. Es gab Tage, da dachte ich: ‹Ich habe diesem Kind das Leben geschenkt. Aber ich mag auch das Ende. Sein oder mein Ende.›»

Der Umzug vor elf Jahren ins Wallis brachte vorerst ein bisschen Ruhe in ihr Leben. Lukas wurde in der Heilpädagogischen Schule in Glis aufgenommen. Doch dann ging ihre Ehe in die Brüche. «Heute kann ich das verstehen. Mein Mann und ich hatten keine Zeit füreinander. Es ging zu viel schief. Für mich war das Verlassenwerden sehr hart. Nach einem langen Verarbeitungsprozess kann ich nun in Dankbarkeit auf unsere Ehe zurückschauen.»

Alleine mit einem autistischen Kind stand Greta Petkeviciene vor den Ruinen ihrer Existenz. «Von heute auf morgen stand ich vor dem Nichts. Ich musste dringend eine Arbeit finden. Ohne die Unterstützung von ‹insieme Oberwallis› (heutiger Name: ‹Mit- Mänsch Oberwallis›) hätte ich das nicht geschafft. Lukas war den Tag über gut aufgehoben und konnte einige Nächte in der Woche im Internat bleiben. Ich war bereit, alle Arbeiten anzunehmen, die ich bekam. Ich habe viel geputzt.»

«Als ich wirklich Hilfe brauchte, hat man mich nicht fallen lassen»
Greta Petkeviciene

In anderen Ländern wäre ich zugrunde gegangen, sagt sie. «In der Schweiz muss man hart arbeiten, aber das soziale System ist grossartig. Ich habe hier so viele gute Menschen getroffen. Als ich wirklich Hilfe brauchte, hat man mich nicht fallen lassen. In diesem Land sind wir privilegiert. Ich weiss meinen Sohn in einem geschützten Umfeld und ich kann als Frau entscheiden, alleine zu leben. Niemand bedroht mich. Diese Selbstbestimmung und Freiheit ist ein grosser Luxus.»

Mit 15 kam Lukas ins Kinderdorf in Leuk. Dort hat er sich langsam zum selbstständigen jungen Mann entwickelt. «Er hat mich losgelassen», sagt Greta Petkeviciene.

Lukas ist jetzt 20 Jahre alt. Er hat einen begleiteten Arbeitsplatz in einer Werkstätte der Stiftung MitMänsch Oberwallis. Er ist zuverlässig, pünktlich und höflich. «Ich glaube, er ist ein glücklicher Mensch.» Wenn er am Abend von der Arbeit kommt, bleibt er in seinen Räumen, wo alles seinen Platz hat. «Wir reden nicht miteinander. Man kann mit ihm kein Gespräch führen. Er sagt auch nie,dass er mich gern hat, aber das erwarte ich auch nicht. Ich kann ihm klare Ansagen durchgeben. Komplette Sätze versteht er nicht» sagt die 51-Jährige.

«Ich habe von meinem Sohn viel gelernt»
Greta Petkeviciene

«Ich beklage mich nicht über das, was ich in den letzten Jahren durchgemacht
habe. Trotz der ganzen Tragik bin ich stolz auf meinen Sohn. Aber wünschen würde ich unser Schicksal niemandem. Ich habe vieles nicht erlebt, was andere Mütter erleben dürfen. Ich konnte meinen Sohn nichts lehren, sondern ihn nur begleiten.Aber ich und die Menschen, die ihm begegnen, lernen viel von ihm. Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit, dass ich Menschen getroffen habe, die mir Flügel gaben, dank denen ich fliegen konnte. Für mich hat sich vieles zum Guten entwickelt. Ich geniesse die kleinen, wiedergewonnenen Freiräume. Ich pflege soziale Kontakte, gehe ab und zu ins Kino oder in ein Theater. Zudem hatte ich das Glück, eine interessante Arbeit zu finden, bei der ich in Kontakt mit Menschen sein kann. Ich arbeite im Schlosshotel als Rezeptionistin und Allrounderin. Mein Chef Andreas Furrer vertraute mir und stellte mich an, ohne meine Diplome zu sehen. Er sagte: Du bist eine starke Frau, du schaffst das.»

Zu weit in die Zukunft blicken mag sie nicht. «Ich nehme einen Tag nach dem anderen. Ich erwarte nichts. Ich habe schon so viel Gutes erfahren, jetzt ist die Reihe an mir, den Menschen etwas zu geben.»


MITMÄNSCH OBERWALLIS

Der Verein «MitMänsch Oberwallis» engagiert sich seit seiner Gründung 1964 für Menschen mit Beeinträchtigung, deren Eltern und Angehörige. Vor 2018 hiess der Verein insieme Oberwallis.
Kontakt: Verein «MitMänsch Oberwallis», Holowistrasse 86, Postfach 107,3902 Glis. Telefon: 027 921 11 30, info@mitmaensch.ch


AUTISMUS WALLIS

Am 20. April 2012 wurde der Verein Autismus-Wallis gegründet. Der Verein setzt sich für Früherkennung, Förderung und Integration von Autismus- Spektrum-Störung ein. Kontakt: Autismus-Wallis, Napoleonstrasse 64, 3902 Glis. info@autismus-wallis.ch


Frühkindlicher Autismus
Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen

Die Beziehungsaufnahme zu Personen, Ereignissen und Dingen ist stark auffällig und bedeutet eine extreme Kontaktstörung. Betroffene können soziale und emotionale Signale nicht angemessen erkennen, einschätzen und anwenden. Einfühlungsvermögen (Empathie) in andere Menschen ist kaum vorhanden. Frühe Symptome: kein Antwortlächeln, keine oder wenig Aufnahme von Blickkontakt, fehlende Unterscheidung von Eltern und anderen Personen, keine antizipatorischen Handlungen (z. B. Ausstrecken der Arme, wenn es hochgenommen werden will), kein «Rückversichern» (soziales Referenzieren) bei den Eltern, kein Teilen von Erfahrungen (Gegenstand bringen oder darauf zeigen, um die Eltern darauf aufmerksam zu machen).

Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation

Fehlen oder starker Mangel sozialen Gebrauchs sprachlicher Fertigkeiten. Auch besteht ein Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch andere Menschen. Die nonverbale Kommunikation und Sprachmelodie sind stark beeinträchtigt.

Repetitive und stereotype Verhaltensmuster

Betroffene zeigen meist einen hohen Widerstand gegen Veränderungen, sie können in Angst-, Panikoder Aggressionszustände geraten, wenn sich in ihrer Umgebung etwas ändert. Viele Betroffene zeigen Stereotypien, die als Selbststimulation von Sinnesbereichen gedeutet werden können (z. B. Augenbohren, Auf-und-ab-Hüpfen, Flattern der Hände vor den Augen). Das Spiel ist meist nicht funktional, sondern mechanisch (z. B. am Rad des Autos drehen, anstatt das Auto fahren lassen).

Manifestation vor dem 3. Lebensjahr

Darüber hinaus unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlafstörungen, Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes
Verhalten.
QUELLE: AUTISMUS WALLIS